Ist Billard ein Männerspiel? Ursprünglich schon – so wie übrigens die meisten Spiele für Erwachsene. Ob das ein Zugeständnis an das „Kind im Manne“ ist, lasse ich dahingestellt. Nichtsdestotrotz habe auch ich mich gelegentlich im Billard bzw. im aus Amerika zu uns herüber geschwappten Pool-Billard versucht. Nicht mit großer Ausdauer. Ich habe mit dreizehn Jahren aufgehört zu spielen, und seither fehlt mir für Spiele die Geduld, sieht man mal ab von einer gelegentlichen Partie Schach und den Spielen mit meinen Töchtern, als sie in dem Alter waren, in dem die dazugehörigen Eltern um „Mensch ärgere dich nicht“ und ähnliches nicht herum kommen. Ich habe diesen Mangel an Spielfreude oft bedauert. Andererseits weiß ich nicht, wann ich zwischen Brot- und Kuchenerwerb, Kindererziehung, Haushalt und freiem Schreiben auch noch hätte spielen sollen. Vielleicht ist das Schreiben ja mein Spiel. Ich meine das nicht abwertend. Spiele haben -– nicht nur in der Kindheit -– eine ernstzunehmende Funktion in unserem Leben. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, hat Schiller in seinen Briefen „“Über die ästhetische Erziehung des Menschen““ geschrieben. Und immerhin habe ich doch oft genug Billard gespielt, um zu wissen, dass einem das Spiel durch die vergurkten Queues in den Billard-Kneipen ganz schön verleidet werden kann. Ich verstehe also gut, dass Max sich an einem Wintertag -– es muss wohl am nächsten oder übernächsten Tag nach dem Besuch der Hafenbar gewesen sein -– auf den Weg zum Planufer machte, wo zu jener Zeit die Billardfabrik der Gebrüder Boetzel ihre Adresse hatte.

Wie die Hafenbar, so sind auch die Boetzels keine Erfindung von Bernd Wagner, sondern fanden bereits 1974 Erwähnung in einem Artikel des Spiegel mit dem Titel „Knall auf Fall“, einer Anspielung auf den bei Anhängern des französischen Billards als ordinär verschrienen Knall beim Break des Pools aus 16 farbigen Kugeln, die es in eines der sechs Löcher am Rand des Tisches zu versenken gilt. Inzwischen sind die Gebrüder Boetzel nach Johannisthal umgezogen, weit weg vom Urbanhafen, wo die Eisschicht an jenem Tag, an dem ich Max begleitete, so dick war, dass Schlittschuhläufer darauf ihre Kreise zogen.

Ich versuche mich zu erinnern, und wenn ich mir Mühe gebe, erinnere ich mich auch an Eis auf dem dunklen Wasser des Urbanhafens. Mir scheint, es war damals selten tragfähig oder als wäre zumindest immer davor gewarnt worden, die Eisfläche zu betreten. Die Eisbilder sind blass und werden überlagert durch Bilder von rostigen Zylindern mit abgerundeten Enden, die zu Hauf an der Kaimauer lagerten. Relikte des Zweiten Weltkriegs. Aus dem Kanal geborgene und entschärfte Bomben. Blindgänger. Nun Altmetall. Außerdem habe ich keine winterlichen Geruchserinnerungen an den Urbanhafen, nur Erinnerungen an den sommerlichen Geruch der frisch gemähten Wiesen im nahen Böcklerpark. Der Hafen hatte schon in den ersten Nachkriegsjahren seine wirtschaftliche Bedeutung verloren und war nach 1963 auf die Breite des Landwehrkanals zurückgebaut worden. Die einstige Ladeinsel wurde durch Zuschütten des Hafenbeckens mit dem südlichen Ufer verbunden, und auf dem Areal begann man 1966 mit dem ersten Neubau eines städtischen Krankenhauses in Berlin. Meinem Großvater war noch im alten Urban-Krankenhaus ein erheblicher Teil seines Magens wegoperiert worden. Meine Tante starb etwa zehn Jahre später im neuen Klinikum. Will sagen: Positiv besetzt ist das Ding für mich nicht. Trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, beim Anblick des Neubaus an gespreizte Betonschenkel zu denken.

Klinikum Am Urban

Klinikum am Urban, 2002 – Foto: Eric Wahlforss

Ab einem bestimmten Alter sei man für Abtreibungen nicht mehr zu begeistern, ist eine der Erkenntnisse, zu denen Wagner Max kommen lässt. Und was war bis zu diesem bestimmten Alter? Und soll mich, dass Ceulemans (gemeint ist wohl der belgische Billardspieler Raymond Ceulemans) „ein Jahr lang vom Brotschmieren bis zum Hinternabwischen alles mit der linken Hand gemacht“ hat, mit Bewunderung erfüllen für die Entschlossenheit, mit der Männer Problemlösung herbeizwingen? – Weiter so, und Max wird den Sympathieverlust, den er sich (oder den Wagner ihm) bei mir eingehandelt hat, nie wieder wettmachen.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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