Wir tun Dinge aus den unterschiedlichsten Gründen. Lassen wir die geradezu zwingenden, die vernünftigen und praktischen Gründe einmal beiseite, ebenso deren unergründliches Gegenteil, womit ich meine, dass wir etwas wider besseres Wissen tun, bleiben als wundersamer Rest die Impulse, die uns scheinbar aus der blauen Luft zufliegen. Das sind meine Lieblingsgründe.

Max hat Geburtstag, ein Umstand, den er zwar gerne vergessen hätte, an den aber ein Traum ihn erinnert. Und da es nun mal so ist, beschließt er den Tag nicht einfach zu verbringen, sondern zu begehen. Und da er kurz zuvor in einem Buch über Zerbst gelesen hat, beschließt er, nach Zerbst zu fahren. – Wäre dies ein schlechter Roman, würde Max‘ Leben in Zerbst eine Wendung nehmen. Das tut es nicht. Das wäre ja auch noch schöner, wenn jedes Mal, wenn jemand einer zufälligen Fügung folgt, das Schicksal nicht anstünde, zu seiner Höchstform aufzulaufen. Man muss sich schon verdammt oft auf den Wind legen, bis er einen irgendwohin trägt, wo gerade Beethovens Fünfte gespielt wird. Genauso gut könnte man tatenlos zu Hause darauf warten. Max, an seinem Geburtstag dem Impuls eines Buches folgend, erlebt lediglich eine Enttäuschung. Das ist insofern angemessen (und daher im Grunde nicht enttäuschend), weil es sich bei dem Buch um Karl Emil Franzos‘ Reise- und Kulturbilder „Aus Anhalt und Thüringen“ handelt, geschrieben 1903, und weil auch Franzos damals zunächst eine gewisse Enttäuschung erlebte, als die einstige Residenzstadt sich ihm verschlafen und nur noch wie ein matter Abglanz ihrer selbst präsentierte. Hundert Jahre später ist von der ihrem endgültigen Verfall entgegen träumenden einstigen Herrlichkeit schon gleich gar nichts mehr übrig, denn kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Zerbst durch alliiertes Bombardement und Mörserbeschuss zu 80 Prozent zerstört.

Doch kommen wir noch einmal auf das Schicksalhafte, wenn auch Folgenlose (Auch das Ausbleiben von Folgen ist ja eine Art Schicksal.) von Max‘ Ausflug zurück. Das Buch, durch welches Max angeregt wurde, nach Zerbst zu fahren, war nämlich bereits zum zweiten Mal in seinen Besitz gelangt. Das erste Exemplar hatte er -– damals noch in Ost-Berlin -– wütend vor ein Antiquariat geworfen, dass ihm Bücher, von denen er sich vor der Übersiedlung in den Westen trennen wollte, nicht abgekauft hatte. Dies lesend, erinnerte ich mich sofort daran, wie ich einmal eine Tasche voller Bücher zu einem Antiquariat geschleppt hatte. Mit demselben Resultat. Allerdings habe ich die Bücher nicht dem Antiquar vor die Tür gekippt, sondern habe die Tasche (sie war wirklich schwer) zur Stadtbücherei getragen. Die haben die Bücherspende dankbar angenommen. Und während ich meine Bücher schließlich loswurde, verhielt es sich bei Max genau umgekehrt. Karl Emil Franzos’‘ „„Aus Anhalt und Thüringen““ begegnete ihm wieder, von einer öffentlichen Bücherei aussortiert, zum Mitnehmen. „…den Buchrücken zierte eine Signatur, und das Titelblatt mit dem Foto des Zerbster Marktplatzes war auf das Leinen aufgeklebt.“

Natürlich habe auch ich mir das Buch beschafft, aber es bedurfte keiner sorgfältigen Untersuchung, ob meine Ausgabe von „“Aus Anhalt und Thüringen““ der von Bernd Wagner beschriebenen gleicht. Zwar „ziert“ auch mein Buch eine Signatur, doch dabei handelt es sich vielleicht um eine des Antiquariats. In meinen Besitz geraten ist jedenfalls eine 2011 bei hohesufer.com erschiene Taschenbuchausgabe. Das Foto auf dem Buchdeckel gibt mir Rätsel auf. Und ohne dass ich den Marktplatz je erreicht hätte (mehr dazu demnächst), behaupte ich: Der Marktplatz ist es nicht.

Ich schrieb bereits, dass ich während meines Krankenhausaufenthalts das Kapitel über Zerbst gelesen habe. Eine wirklich wunderbare Lektüre, wenn man, noch geschwächt von einer Operation, ohnehin nach zwei bis drei Seiten eindöst. Jedes Mal nahm ich die Bilder mit in den Halbschlaf, und sie wirkten wie Balsam. Der Spaziergang eines so aufmerksamen wie nachsichtigen Reisenden, der ohne Hast seinen Fragen nachspürt. So sollte man nicht nur reisen, so sollte man leben. Den Rest des Buches hebe ich mir auf wie eine Medizin.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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