Wir erinnern uns bitte, dass im letzten Eintrag zum Club-Oblomow-Projekt die Überreste einer russischen Silvesterparty erwähnt wurden. Ich hatte absichtlich nicht dazu geschrieben, dass Bernd Wagners Ich-Erzähler hier anmerkte, dass „im Club die Hauptfeste doppelt gefeiert wurden, zuerst nach den Gregorianischen und eine Woche später nach dem orthodoxen Kalender“. Ich hatte es nicht geschrieben, weil meine Absicht war, aus den verschiedenen Kalendern einen Lexikon-Eintrag zu machen. Und dann stieß ich bei der Vorbereitung desselben auf zwei Informationen: Erstens, der Orthodoxe Kalender unterscheidet sich vom Gregorianischen nur dadurch, dass er „zehnmal genauer“ (Wikipedia) ist als der Gregorianische, weil in ihm nicht drei Schalttage in 400 Jahren weggelassen werden, sondern sieben Schalttage in 900 Jahren. Trotzdem werden bis zum Jahr 2800 beide Kalender noch identisch sein d.h. am selben Tag Neujahr ausweisen. Zweitens, es gibt außer dem orthodoxen Kalender auch noch den Kalender der Russischen Orthodoxen Kirche, den Bernd Wagner hier meinen könnte. Die Orthodoxe Kirche begeht die nichtbeweglichen Hauptfeste nach dem Julianischen Kalender. Letzterer hinkt dem gregorianischen Kalender aber auch nicht um eine Woche, sondern derzeit um 13 Tage hinterher. In der Praxis scheint es so zu sein, dass die Russen Silvester am selben Tag feiern wie wir, also am 31. Dezember. In vielen Familien werden an diesem Tag auch die Weihnachtsbäume geschmückt. Die Bescherung findet am 6. Januar (Heilige drei Könige) statt. Das orthodoxe neue Jahr beginnt dann am 11. Januar. Natürlich lassen sich alle diese Besonderheiten der verschiedenen Kalender schlecht in einem den Erzählfluss nicht störenden Halbsatz erklären, während unser Held auf Reste Roter Bete blickt. An Roten Beten, das weiß man, scheiden sich die Geister. Das leicht modrige Aroma ist nicht jedermanns Sache. Aber es gibt wohl niemanden, der sich für Reste von Roten Beten begeistern kann. Da ist es dann auch ziemlich egal, was damit ursprünglich gefeiert wurde. In mir indessen dämmert -– schon seit der schwierigen Ortsbestimmung und nun noch deutlicher, dass man sich im Club Oblomow nicht nur an einem Ort zwischen den Orten, sondern auch in einer Zeit zwischen den Zeiten befindet.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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