Ich glaube, ich erwähnte es schon, dass es mir definitiv nicht darum geht, hier einem Roman auf seinen Gehalt an Fiktion und Wahrheit zu überprüfen. Wo ich mir unabsichtlich dennoch den Anschein gebe oder das Verfolgen eines Gedankens quasi auf eine Überprüfung hinausläuft, da nehme ich frei Erfundenes mit derselben Befriedigung oder zumindest doch Neugier zur Kenntnis wie Übereinstimmungen mit der Realität. Folglich könnte es mir ganz und gar gleichgültig sein, ob es den Club Oblomow gibt, jemals gab oder – zumindest theoretisch – hätte geben können. Allerdings wenn jemand die Lage einer Lokalität mit „“gegenüber vom Nordbahnhof““ beschreibt, dann provoziert mich das schon erheblich. Der Nordbahnhof besitzt nämlich einen nördlichen und einen südlichen Eingang und dazu noch das ehemalige Empfangsgebäude der Vorortbahn, in dem heute eine „Eventlocation“ mit „teakholzgeprägtem Wohlfühlambiente“ und „zeitgenössischer Fernost-Pop-Art Kultur“ das Publikum lockt. Wo also ist da „gegenüber“?

Als Anhaltspunkt wird dem Leser noch das Hotel Newa benannt. Es dauerte eine Weile, bis ich herausgefunden hatte, dass das tatsächlich noch bestehende Gebäude -– heute eine Bürohaus –- einst das Hotel Danziger Hof war, das irgendwann in seiner bewegten Geschichte auch „Hotel Newa“ hieß. Das Internet, das für jede Menge Banalitäten unzählige Hinweise, Beschreibungen und Bildmaterial bereithält, kann sich zuweilen durchaus als Geheimniskrämer erweisen. So führte mich meine Suche nach Informationen zum Hotel Newa nicht geradewegs zu den gewünschten Angaben, dafür aber auf dürftiger Spur zu den in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Jünglingsvereinen, die sich die soziale Unterstützung und geistliche Begleitung junger Männer zur Aufgabe gemacht hatten. In Folge der Weltwirtschaftskrise prägte vermehrt die Arbeitslosigkeit den Aufgabenbereich des Jünglingsbundes, und 1931 entschloss man sich, die strapazierten Kassen durch die Pachtung des Hotels (Achtung!) Danziger Hof zu entlasten. Die hohen Renovierungskosten sollen dann aber –- ganz im Gegensatz zu den Erwartungen -– die Kasse des Bundes zusätzlich belastet haben. – Und da denkt man immer, nur die heute errichteten Gebäude wären nach zwanzig Jahren schon ein Fall für Sanierung, wenn nicht gar Abriss und Neubau. Normalerweise werden Hotels einigermaßen im Schuss gehalten, sonst nimmt dort ja niemand ein Zimmer. Wie konnte das Hotel Danziger Hof, errichtet 1912, in kaum zwanzig Jahren derartig verloddern, dass dieser Jünglingsbund sich damit fast ruinierte?

Invalidenstrasse 115, Hotel Danziger Hof

Trotz dieser Verwirrung meinte ich, mich dem Club Oblomow ein gutes Stück genähert zu haben, und ließ mich auch durch Zufallsentdeckungen wie der des Clubs Polnischer Versager nicht mehr irreführen.

Club der polnischen Versager
Berlin-Mitte Club der Polnischen Versager
13. August 2011
Foto: Peter Kuley

Auch an der Tür des Club Oblomow stand mit Kreide der Name geschrieben. Und durch diese Tür trat Wagners Ich-Erzähler nun. An diesem frühen Winterabend traf er dort nur auf Hermann, der „mit „gewohnter Langsamkeit““ die Spuren des gestrigen Abends beseitigte. Beim Lesen der apostrophierten Formulierung dachte ich unwillkürlich an den Blick, den ich vor Jahren in eine Kneipe warf. Mit einem Freund machte ich einen Spaziergang. Es war Sonntagnachmittag. Die Kneipentür stand offen, und obwohl im Innern jenes für Kneipen typische Schummerlicht herrschte, erkannte man gut einen beleibten Mann, der auf einem Stuhl saß und den Bereich des Fußbodens, den er von seinem Platz aus mühelos erreichen konnte, sehr gemächlich mit einem Staubsauger bearbeitete. „“Sitting Bull““, sagte mein Begleiter, und die kleine Szene ist mir vielleicht nur dieser Bemerkung wegen in Erinnerung geblieben. Wir alle kennen wohl genug „gewohnte Langsamkeiten“, um sie zu erkennen, selbst wenn wir ihrer zum ersten Mal ansichtig werden. Sie sind uns nervtötend vertraut, und das Nervtötende gewohnter Langsamkeit wird uns besonders dann bewusst, wenn wir selbst gerade umgetrieben werden – wie der Ich-Erzähler oder wie ich, die Leserin, die ihn nun schon eine Weile begleitete, so dass seine Stimmung auf mich abgefärbt hatte. Wir sind offensichtlich zu früh. Der Einzige, der noch früher da war, war der türkische Trödler. Wir erkennen es an den Schalen der Sonnenblumenkerne auf dem Fußboden. Wir erfahren, dass er einen Computer gebracht hat -– unverlangt – und, – wie wir finden, – völlig überflüssigerweise. Teilnahmslos glotzt der Bildschirm auf die unappetitlichen Reste einer russischen Silvesterparty, denen Hermann gerade mit eben jener nervtötenden Langsamkeit zu Leibe rückt. Als Wagners Protagonist beschloss, den Club noch einmal zu verlassen und in die Oase zu gehen, um etwas zu essen, atmete auch ich beim Hinaustreten auf die Straße tief durch.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

Advertisements