Nicht zu fassen! Dies ist der achte Eintrag, der sich mit Bernd Wagners „Club Oblomow“ befasst, und ich bin noch immer beim ersten Kapitel, genauer gesagt, auf Seite 9 des Buches. Das Buch hat 190 Seiten. Der geneigte Leser möge sich selbst ausrechnen, wie lange ich bei diesem Tempo noch brauchen werde, um ans Ende zu gelangen. Aber ich hatte mir ja vorgenommen, mich mit der Neugier und Hingabe eines Kindes mit einem Stück Literatur zu befassen. Also, dann… …

Es ist nun an der Zeit, abermals auf den Pitaval zu sprechen zu kommen, denn „unser Mann in Berlin“ hatte nach Erreichen des Fußballplatzes an der Auguststraße -– im Gegensatz zu mir -– der Strafraum durchquert, um die Schlippe zur Linienstraße zu erreichen, und, dort angekommen, hatte er sich nicht zum Oranienburger Tor gewandt, sondern war in die entgegengesetzte Richtung gegangen, um, wie Wagner schreibt, die Rosenthaler Vorstadt „in dem Licht zu erblicken, das die rundliche Autorin des Pitaval auf sie geworfen hat“. Mit diesem Pitaval habe ich mich dann eingehend beschäftigt, habe den grausigen Mordfall „Lucie Berlin“ auch bei Zeno.org nachgelesen -– wie es mir schien, noch ausführlicher. Aber vielleicht ist das auch nur eine gefühlte Ausführlichkeit, denn was mich noch mehr entsetzte als das Verbrechen an dem kleinen Mädchen …… Vor solchen bestialischen Taten kapituliert meine Vorstellungskraft jedes Mal, wodurch mir hirnzerfetzendes Entsetzen erspart bleibt. Was mir aber vorstellbar und daher in der Lage war, erhebliches Entsetzen auszulösen, waren die nebenher geschilderten Lebensumstände, die mir plötzlich als von Heinrich Zille verharmlost, ja, geradezu verniedlicht erschienen. – Ich weiß, ich tue Zille damit Unrecht. Es war (und ist bis heute) eine Krux der bildlichen Darstellung. Sei es die Bewunderung für ein zeichnerisches/malerisches Können oder für eine photographische Bildkomposition, die Ästhetik des Bildes wirkt wie die Zuckerglasur, die eine bittere Pille umhüllt. Sie hilft beim Schlucken. Mit der Sprache lassen sich ja ähnliche Effekte erzielen. Hier aber wird aus Prozessakten zitiert und verdeutlicht sich das Eingesperrtsein auch derer, die nicht im Gefängnis sitzen –- gefangen in ihrer gesellschaftlichen Klasse, im Bildungsmangel, in Hinterhöfen, Mietskasernen, überfüllten Stuben, unter unsäglichen hygienischen Bedingungen und dazu noch in einem unzulänglichen Wortschatz. Wer dazu noch auf die schiefe Bahn geriet, für den waren eine Umkehr und das, was wir heute Resozialisierung nennen, praktisch unmöglich. Und dann beschlich mich der Verdacht, dass sich so Grundlegendes in den letzten hundert Jahren nicht geändert hat -– im Vergleich zu den Veränderungen in der Technik praktisch nichts. Betrachtet man drei Ebenen gesellschaftlicher Entwicklung, den technischen Fortschritt, die wissenschaftliche Erkenntnis und die ethisch-moralische Entwicklung, so ist völlig klar, welche Ebene scheinbar unaufhaltsam expandiert und welche, weit abgeschlagen, das Schlusslicht macht. Womit wir wieder beim Licht wären.

Beim Lesen des Pitaval habe ich wohl kein einziges Mal an Licht gedacht oder nur in dem Sinne, dass es an Licht mangelte -– in den Halbkellern, in den Hinterhöfen, in den Pferdeställen, in denen man die Entmieteten unterbrachte. Nicht einmal der „Casus Kranzler“ konnte mir das Ganze erhellen oder –- da es sich ja um den bekannten Konditor handelte –- versüßen. Dass der alte Kranzler sich in der Gartenstraße, wo die Vogtländer dichtgedrängt in Einraumwohnungen lebten, die blutjungen Mädchen besorgte, die er lieber vernaschte als seine Torten – immer jünger mussten sie sein, und immer perverser wurden sie missbraucht – wurde zwar aktenkundig aber nicht an die große Glocke gehängt. Kranzler, damals schon eine Berliner Institution, war es ein Leichtes, die „geschädigten“ Familien, die in diesem Elend lebten, mit Geld abzufinden. Und auch hier erwies sich, dass die Skrupelloseren unter diesen Armen das „bessere Geschäft“ machen. Indessen sollte man über sie nicht härter urteilen als über die Damen der Gesellschaft, die im Café Kranzler ihr Stück Torte verzehrten und, wenn der Inhaber sich blicken ließ, einander zutuschelten und wohlig erschauerten, bevor sie noch ein Schlückchen Kaffee nahmen.

Diesem Eintrag liegen zugrunde der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3 sowie der „Pitaval Scheunenviertel“ von Margitta-Sybille Fahr, erschienen 1995 im Verlag Neues Leben in Berlin, ISBN 3-355-01453-2. Beide Bücher sind nur noch antiquarisch zu finden. Mein Erwerb des Pitvals hat wieder einmal bewiesen, dass auch das preiswerteste Angebot bei Amazon ein Buch in sehr gutem Zustand sein kann.

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