– etwas, wovon ich zugegebenermaßen keine Ahnung habe.

So sah der Fußball aus, der bei den Olympischen Spielen 1936 zum Einsatz kam:

Fussball 1936

Fußball “made in Germany” 1935 für die Olympischen Sommerspiele 1936, Deutsches Ledermuseum, Offenbach – Foto: Christos Vittoratos

Und ganz ähnlich sah er auch noch 20 Jahre später aus, als mein Klassenkamerad Karl-Heinz versuchte, mir Dribbeln beizubringen. Damals wusste ich noch nicht, dass so ein Fußball eine Seele hat. Ich hätte doch niemals etwas, das eine Seele hat, mit Füßen getreten! Bis zum Ende der 1960er Jahre bestand ein Fußball aus vernähten Lederstreifen und war mit einer Schweinsblase gefüllt, und eben diese wurde Seele genannt. Ob das etwas damit zu tun hat, dass die Inuit in Alaska glaubten, dass sich der Sitz der Seele in der Blase befindet? Sie sammelten die Blasen von erlegten Robben, verzierten sie kunstvoll und gaben sie beim Blasenfest dem Meer zurück, damit sich neue Tiere aus ihnen bildeten, die dann im kommenden Jahr gejagt werden konnten. -– Nun, ich fürchte, diese Erklärung ist im wahrsten Sinne des Wortes etwas weit hergeholt. Das mit der Seele des Fußballs ist vermutlich so ein Männerding, wie überhaupt das ganze Spiel. Die kickenden Damen mögen mir verzeihen, oder sie lassen es bleiben. Heute jedenfalls sind Fußbälle vollsynthetisch und haben, wie ich nachlesen konnte, phantastische Namen wie Questra Europa, Fevernova, Jabulani oder Tango 12, dafür aber keine Seele mehr. – Dass ich mich mit Fußbällen befasst habe, hat seinen Grund natürlich auch wieder in Bernd Wagners Roman „“Club Oblomow““.

Merkwürdiger Gedanke, dass eine der Im Internet für fünfundzwanzig, fünfunddreißig Euro angebotenen Pentacon AK 8-Filmkameras theoretisch die sein könnte, auf die Wagners Ich-Erzähler zu rannte, nachdem er das denkwürdige Tor geschossen hatte in dem ebenso denkwürdigen Abschiedspiel für Schuldenreich -– hier zum ersten Mal erwähnt, mit dem Zusatz: „…„…, der ein halbes Jahr vor mir in den Westen abdampfte.“

Unwillkürlich blätterte ich zur hinteren Klappe des Buchumschlags: „Bernd Wagner, geboren 1948 in Wurzen (Sachsen), übersiedelte 1985 aus der DDR nach West-Berlin.“ Zwar steht nirgends geschrieben, es handle sich hier um einen stark autobiographisch gefärbten Roman, aber in eben dieser Übersiedlung ist doch eine Parallele zwischen Wagner und dem Ich-Erzähler zu erkennen. Und überhaupt weiß man, dass jeder Roman, selbst der erklärtermaßen nicht autobiographische, ein bisschen Autobiographie enthält.

Besagtes Abschiedsspiel ereignete sich auf einem Fußballplatz in der Auguststraße, der als Wagners Ich-Erzähler Jahre später dorthin zurückkehrt, mit im Scheinwerferlicht leuchtenden Kunstrasen aufwartet, doch immer noch von schwarzen Brandmauern umgeben ist. Ich sah den Platz vor mir –- nicht nur, weil Bernd Wagner ihn so anschaulich beschrieben hat, sondern weil ich ihn kenne. Jedenfalls dachte ich das. Zwar komme ich fast nie in die Auguststraße – das letzte Mal wohl im März 2009 zu einer Lesung, die man getrost auch als denkwürdig bezeichnen kann, doch noch davor arbeitete eine Freundin etwa ein Jahr lang in einer Galerie in der Auguststraße und lud mich drei oder vier Mal zu Ausstellungseröffnungen ein. Bei einer dieser Gelegenheiten war ich zu früh dran, es war jedoch bereits dunkel. Ich schlenderte ein Stück die Straße hinunter, und da war dieser Fußballplatz. Kunstrasen, knallgrün im Scheinwerferlicht vor rußgeschwärzten Brandmauern, von denen man nicht recht sagen konnte, ob sie das Geviert bedrohten oder beschützten. Ich beschloss: Diesmal musste ich mich wirklich auf den Weg machen und einen Fotoapparat mitnehmen.

Oranienburger Straße Ecke Tucholskystraße

Oranienburger Straße Ecke Tucholskystraße, Bar Restaurant Keyser Soze – Foto: Christa Hartwig

S-Bahnhof Oranienburger Straße. Mit dem Fahrstuhl am äußersten Ende des Bahnsteigs fahre ich zu einer Mittelinsel der Straße hinauf, von der aus es nur noch ein Katzensprung bis zur Auguststraße ist. Bevor ich mich aber auf die Suche nach dem Fußballplatz mache, kehre ich ins Keyser Soze ein. Ich muss was Essen, und ich brauche ein Glas Wasser, um meine Tabletten zu schlucken. Die in Folie eingeschweißte Speisekarte fasst sich schmierig an, und es gibt Tage, an denen das ausreichen würde, mir jeglichen Appetit zu verderben, aber heute ist zum Glück keiner dieser Tage. Das Glas Wasser riecht nach nassem Hund, aber das tun Wassergläser in Lokalen oft, finde ich. Es ist mir noch nicht gelungen, herauszufinden, ob das eine unvermeidliche Folge der Spültechnik ist oder ein Trick, mit dem man Leuten abgewöhnen will, Wasser zu bestellen. Und dann bringt der Kellner die Bouletten mit Tomate und Käse auf Toast überbacken (4,50 €), und ich möchte niederknien. Die Bouletten schmecken wie die von meiner Omi.

Ich mache mich auf den Weg die Auguststraße hinunter mit einem solchen Glücksgefühl im Bauch, dass ich fast zwangsläufig vor jedem dritten Haus bewundernd stehen bleibe, obwohl es noch gar nicht dunkel ist, und weil es noch nicht dunkel ist, bewundere ich vermutlich die falschen Häuser.

Haus in der Auguststraße, Berlin-MitteWas es mit dieser Bewunderung auf sich hat, versteht wieder nur, wer den Roman gelesen hat. Gesagt sei trotzdem, dass es mit dem Bewundern bei mir in Kreuzberg (SW 61) nicht klappt -– wohl aus dem Grund, dass ich da aufgewachsen bin und jedes verdammte Haus viel zu vertraut ist. Das gilt sogar für das Finanzamt Kreuzberg (heute Friedrichshain-Kreuzberg), von dem ich als Kind glaubte, jemand habe es mit viel Geduld aus Bauklötzen errichtet. Zum Bewundern -– ob es um Menschen geht oder um Häuser – gehört eine gewisse Distanz.

Und dann stehe ich vor dem Fußballplatz, und das Einzige, was stimmt, ist der Kunstrasen.

Sportplatz in der Auguststraße, Berlin-Mitte

Foto: Christa Hartwig

Wo sind oder waren hier schwarze Brandmauern? Wie ist es möglich, dass Bernd Wagner einen Sportplatz beschreibt, an den ich mich zu erinnern glaube, der aber so nicht existiert? Später werde ich nachlesen, dass der Sportplatz vormittags von insgesamt neun Schulen für den Sportunterricht genutzt wird, und nachmittags die Fußballer von Blau Weiss Berolina dort trainieren. Später werde ich auf der Webseite http://auguststrasse-berlin-mitte.de/sportplatz-auguststrasse auch ein Foto entdecken, dass ein Fußballtor zeigt, dahinter eine Baustelle und Brandmauern, die mal schwarz gewesen sein könnten. Jetzt, während ich durch das Metallgitter ein Foto schieße, lässt eine Lehrerin ein Rudel Grundschulkinder durch eine Pforte im Zaun entweichen. Sie äugt zu mir herüber. Es sieht nicht so aus, als würde sie mich auf den Platz lassen, damit ich auf der anderen Seite die im Roman erwähnte Schlippe zur Linienstraße suche. Enttäuscht gehe ich weiter die Auguststraße hinunter und komme zur Kleinen Hamburger Straße. Dass es sich um eine Sackgasse handelt, sieht man schon von der Ecke aus. Trotzdem gehe ich bis zu der Stelle, wo Liegestühle des Lokals Strandbad-Mitte mir nur deshalb nicht den Weg versperren, weil sich gleich dahinter sowieso wieder die Umzäunung des Sportplatzes befindet.

Ende der einen Hälfte der Kleinen Hamburger Straße

Foto: Christa Hartwig

Also kehre ich um und nehme die nächste Querstraße nach links, um zur Linienstraße zu gelangen. Wenn der Fußballplatz schon ein Reinfall war, so wird wenigstens die Linienstraße mich hoffentlich nicht enttäuschen.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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