Es mutet seltsam an, dass ein Kiez mitten in Berlin „Scheunenviertel“ genannt wird. Über die genaue Lage bzw. Ausdehnung dieses Viertels kann man streiten -– oder auch nicht. Ursprünglich bezeichnete „Scheunenviertel“ ein Gebiet nördlich der Stadtmauer, zwischen dem Hackeschen Markt und dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz. Der Name geht auf einen Erlass des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zurück. 1670 hatte er aus Brandschutzgründen den Unterhalt von Scheunen innerhalb des Stadtgebietes verboten. Da zu jener Zeit der heutige Alexanderplatz ein Viehmarkt war, zu dessen Betrieb große Mengen von Heu und Stroh benötigt wurden, ordnete Friedrich Wilhelm 1672 den Bau von 27 Scheunen in unmittelbarer Nähe der Stadtmauer an, deren Verlauf an dieser Stelle etwa dem der heutigen Dircksenstraße entsprach. Nördlich davon befanden sich zu jener Zeit ausgedehnte landwirtschaftliche Nutzflächen. Auch die dort beschäftigten Landarbeiter fanden ihre Unterkunft im Scheunenviertel. Berlin wuchs weiter, und 1734 begann man mit der Schleifung der Stadtmauer, die bereits ein Erweiterungsbau war. Die jenseits davon liegenden Flächen wurden bebaut. Das Scheunenviertel aber behielt im Volksmund seinen Namen.

Das Scheunenviertel, heute bei Einheimischen wie Touristen hauptsächlich als Szeneviertel beliebt, bezeugt in seiner historischen Entwicklung aber auch den traurigen Umstand, dass der Antisemitismus in Berlin nicht erst mit der Machtergreifung durch die Nazis seinen Anfang nahm. 1737 befahl Friedrich Wilhelm I. allen Berliner Juden, die kein eigenes Haus besaßen, ins Scheunenviertel zu ziehen, in dessen unmittelbarer Nähe sich bereits die zwischen 1712 und 1714 errichtete Synagoge und – vor dem Spandauer Tor – der Alte Jüdische Friedhof befanden. Den nun hier lebenden Juden war das Betreten der Stadt nur durch die beiden nördlichen Stadttore erlaubt. In Folge wurde das Viertel stark von jüdischen Kultureinflüssen geprägt. Ein Schtetl entwickelte sich hier jedoch erst im 20. Jahrhundert, als viele aus Osteuropa vertriebene jüdische Familien meinten, in der Spandauer Vorstadt eine sichere Bleibe gefunden zu haben. Es hatte sich herumgesprochen, dass nirgendwo in Berlin die Wohnungen billiger waren. Das eigentliche Scheunenviertel, zu dem lediglich der östlich der Rosenthaler Straße gelegene Teil der Spandauer Vorstadt zählt, hatte sich zu dieser Zeit bereits in eine Mischung aus Elendsquartier und Lasterhöhle verwandelt – eine Entwicklung, an der die Juden wohl den geringsten, wenn überhaupt einen Anteil hatten. In dem Kiez mit seinen lichtarmen Gassen und heruntergekommenen Gewerbehöfen, in dem die Bevölkerungsdichte fünfmal so hoch war wie in anderen Berliner Bezirken, bestimmten Ganoven, Luden und Ringvereine das Geschehen. Wer mit Alfred Döblins Franz Biberkopf hier gedanklich unterwegs war, kann sich das „Milljöh“ gut vorstellen. Letztendlich waren es die Nazis, die –- um die Juden als kriminelles Gesindel abzustempeln -– dazu übergingen, die gesamte Spandauer Vorstadt als Scheunenviertel zu bezeichnen.

Und warum habe ich nun im letzten Eintrag über den Pitaval geschrieben und schreibe in diesem über das Scheunenviertel? Weil der Ich-Erzähler in Bernd Wagners Roman „“Club Oblomow““ Pitavals liebt und gerade einen Pitaval des Scheunenviertels liest, verfasst von einer „Dame mit Doppelnamen“.
Aha, denke ich. Also ein Mann, der etwas gegen Frauen mit Doppelnamen hat, wenn er dies für erwähnenswert hält. Vielleicht ging es dem Autor aber auch darum, den Leser etwas zu verwirren. Es handelt sich nämlich um einen Doppel-Vornamen, den Herr Wagner hier nicht nennt, dafür aber behauptet (oder verrät?), die Dame habe um Aufnahme in den Club Oblomow nachgesucht. Will sagen: Den Pitaval und die Dame gibt es wirklich.

Muss ich noch hinzufügen, dass ich mir diesen Pitaval sofort im Antiquariat bestellt habe?

Dieser Eintrag basiert auf dem Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3 sowie dem „Pitaval Scheunenviertel“ von Margitta-Sybille Fahr, erschienen 1995 im Verlag Neues Leben in Berlin, ISBN 3-355-01453-2.

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