Was, bitte, muss man denn vollbringen, um sagen zu dürfen, man habe eine bestimmte Zeit an einem bestimmten Ort zugebracht? Ist „Schlafen, Fernsehen und Lesen“ dafür nicht genug? Wäre es unter den eben beschriebenen (nein, lediglich aufgezählten) Umständen angebrachter zu sagen, man habe die Zeit an jenem Ort verbracht? – Vielleicht ist es so. Die Vorsilbe ver- hat ja doch immer etwas von Ver-Lust. Grund genug, der Entstehung des Wortes Vergnügen bei Gelegenheit nachzuspüren. Das klingt mir auch so, als wolle es ausdrücken, dass jemand seine Genügsamkeit vorübergehend verloren hat. Auch wenn man seinen Urlaub in Rom verbringt, entsteht der Eindruck, man hätte seine Zeit andernorts besser nutzen können. Das stimmt, wenn man die Tage in Rom mit dem Studium des Paarungsverhaltens von Mehlwürmern zubringt, ist das vertane Zeit! Mehlwürmer paaren sich nicht. Nur der Volksmund nennt sie Mehlwürmer. In Wahrheit handelt es sich um die Larven der Mehlkäfer. Und man bedenke: Wir sind in Rom! Aber immerhin, wir haben Zeit vertan mit etwas, das in die Kategorien Arbeit oder Studium fällt. Die Zeit wurde also zuge- und nicht einfach verbracht.

Mit Bernd Wagner und seinem schlafenden, fernsehenden und lesenden Protagonisten bin ich in Berlin und bin Bernd Wagner dankbar dafür, dass er [Verbracht? Zugebracht?] das eine Wort nicht einfach durch das andere ersetzt hat. Indem ich an seinen Zweifeln teilhaben darf, werde ich bereits auf der ersten Seite eingestimmt auf das Grundthema seines Romans: Der Sinn des Kunstschaffens. Der Sinn des Schaffens überhaupt. Und mich gedanklich abarbeitend an den Bedeutungsschwankungen, die das Verb bringen durch Austausch der Vorsilbe erfährt, schwant mir langsam, was die Leute meinen, die jemanden als einen „Bringer“ bezeichnen. Wenn der in seinen Anstrengungen noch einen Zacken zulegt, kann er es glatt zum „Macher“ bringen.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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