Das Bedauerliche ist nicht, dass zu wenige Bücher gelesen werden. Die überwältigende Menge der jährlichen Neuerscheinungen -– zu bestaunen auf den Buchmessen -– spricht eher für einen beachtlichen Literaturkonsum. Das wirklich Traurige aber ist, dass das einzelne Buch zu wenig gelesen wird, beziehungsweise gelesen in der Manier, dass viele Lesende sich damit begnügen, durch ihr Tun ihre Alphabetisierung zu bezeugen, dabei sich der gleichzeitig ablaufenden kognitiven Prozesse nur halb bewusst. Bestenfalls ist es im Moment des Lesens, erheiternd, spannend, berührend, erbaulich …… Ist es ausgelesen, fällt es bald dem Vergessen anheim.

Wie viel anders verhält es sich beim Kind im Vorlesealter! Eine vorgelesene Geschichte wird nicht einfach nur gehört und verstanden. Die passiv aufgenommene Geschichte löst einen Prozess aus, an dem das Kind sich überaus aktiv beteiligt. Da wird nach- und weitererzählt. Da fließen die Erzählung oder Teile der Handlung in das Spiel des Kindes mit Verkleidungen und Requisiten ein. Personen und Szenen der Geschichte werden gezeichnet oder gemalt. Das Kind lebt das Buch, das man ihm vorgelesen hat, und wird gleichzeitig nicht müde, um Wiederholungen des Vorlesens zu bitten. – Wann hätten wir je in unserem späteren Leben so gelesen, uns eine Geschichte so sehr zu Eigen gemacht?

Ist es Zufall, dass die Zeit des Lesenlernens zusammenfällt mit dem Nachlassen unseres unermüdlichen Interesses an den Geschichten, oder bewirkt die Beherrschung der Kulturtechnik Lesen einen Ehrgeiz, mehr zu lesen –- mehr Buchstaben, mehr Wörter, mehr Bücher -– dafür weniger Zeit für das einzelne Buch? So wie ich mich an das intensive Erleben von Geschichten in meiner frühen Kindheit erinnere, das mir diese Geschichten ins Gedächtnis gebrannt hat, so erinnere ich mich zwar daran, um das Füllen der Bibliothekslesekarten mit einer Schulfreundin im Wettstreit gelegen zu haben, kaum aber an die Bücher, deren Verfasser und Titel wir so eifrig in eben diese Lesekarten eintrugen. Zwischen dem Einen und dem Anderen lagen nur fünf oder sechs Jahre. Und wenn ich heute den Blick über die Buchrücken in meinen Regalen wandern lasse, wird mir beschämend bewusst, dass ich nur von einem Bruchteil der Bücher ad hoc eine Inhaltsangabe machen könnte. Bei vielen müsste ich auf den Klappentext schauen oder meine eigenen Notizen zu Rate ziehen, um mich zu erinnern, was für eine Geschichte das Buch mir erzählt hat.

Ich muss es mir selbst beweisen, ob ich noch fähig bin, eine Geschichte auch nur annähernd so sehr auszukosten (!), wie ich es als kleines Kind tat, sie nicht loszulassen, bevor ich nicht den Anteil an jeglicher Wahrheit und Lüge und jedes Geheimnisses herausgeschmeckt habe. Und ausnahmsweise bin ich einmal froh, nicht Literaturwissenschaft studiert zu haben, denn ich glaube, für diesen Kinderspaß wäre das eher hinderlich.

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