Als gediegen bezeichnet man in der Mineralogie das Vorkommen von reinen chemischen Elementen in der Natur. In der Alltagssprache bedeutet der Ausdruck gediegen zumeist, dass etwas auf bewährte Weise stilvoll, elegant bzw. rein und gut ist. Vor allem in Norddeutschland findet sich eine weitere, von der niederdeutschen Sprache herrührende, eher negative Bedeutung. Dort wird gediegen auch im Sinne von merkwürdig, seltsam, unheimlich oder unverständlich gebraucht.

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Nachtrag zum Kapitel „Die Heimerziehung“ in Peter Richters Buch „Deutsches Haus : Von einem der auszog, das Wohnen zu lernen“:

Langbehn, Avenarius [Anm.d.R.: Gemeint ist Ferdinand Avenarius, nicht Avenarius Badzubehör, obwohl dieser Gedankensprung kein wirklich weiter wäre.], der erste Kunsterziehertag, Hellerau: Daß hier so viel und so häufig von Dresden die Rede sein mußte, liegt ausnahmsweise mal gar nicht so sehr am Lokalpatriotismus des Verfassers. Ich bin selber überrascht, daß so viele Fäden dieser Geschichte ausgerechnet da zusammenlaufen, wo man eigentlich eher an barocke Delirien denkt. Aber vielleicht ist dieser ganze hysterische Zwinger-Wahnsinn auch einer der Gründe für die seltsamen Bedürfnisse nach Beschränkung und Tiefe. Schon die Wohnhäuser, die dem aufgedonnerten augusteischen Pomp damals von pikierten protestantischen Bürgern entgegengesetzt wurden, waren aus moralischem Protest so nüchtern gehalten, daß man für sie den Begriff „Hungerstil“ erfunden hat. Für Langbehn war Dresden der einzige Ort, an dem er bleiben könne, weil er Preußen für den Hort des Bösen hielt und Süddeutschland ihm „zu schlapp“ war. Tatsächlich war Dresden damals schon genauso wie heute unter allen großen deutschen Kulturstädten die politisch und kulturell konservativste; und als Tagungsort war die Stadt bei den seltsamsten Kreisen beliebt: Der erste deutsche Kunsterziehertag war noch das am wenigsten gruselige Ereignis, wenn man mal in Betracht zieht, daß in Dresden auch der erste deutsche Bestattertag und sogar der erste deutsche Antisemitentag stattfanden. Schön ist das natürlich alles nicht. Schön ist nur die landschaftliche Lage. [Anm.d.R.: …weshalb auch Phillipps Dresden-Foto für mich das schönste und treffendste ist und bleibt.]

Die Elbe und Dresden

© Phillipp

Noch ein Nachtrag:
Wenn es aber so ist, daß das Dogma der Gediegenheit
in Dresden groß geworden sein sollte, dann muß man das Wort auch so aussprechen, dann wird „gediegen“ zu „gediechen“. Und derart weichgekaut und abgeschliffen verliert es ja schon wieder beträchtlich an Schrecken.

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