stephan_moersch_quedlinburg

Als mir der Katalog vor einigen Tagen in die Hände kam und ich ihn neugierig aufschlug, da sprachen die darin gezeigten Bilder so unmittelbar zu mir, lösten so unabwendbar ein Gefühl aus, wie es nur äußerst selten geschieht. – Obwohl ich ständig mit Kunst zu tun habe, oft mit solcher, die mein Interesse weckt, mir etwas sagt oder manchmal auch einfach mir nur gefällt, überkommen mich selten Besitzgelüste. Bei Stephan Mörschs Zeichnungen aus dem Zyklus „Quedlinburg“ dachte ich sofort: Die möchte ich a) im Original sehen, und ich hätte b) nichts dagegen, einige an meiner heimischen Wand zu haben.

Dem möglichen Quedlinburger Leser gestehe ich: an Quedlinburg lag es nicht. Wo genau Quedlinburg liegt, musste ich erst auf einer Landkarte nachschauen. Shame on me! Quedlinburg steht auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes, habe ich dabei festgestellt. Im nördlichen Harzvorland, an der Bode. Soso. Es konnte also nur an Stephan Mörschs ganz speziellem Blick liegen. Bevor ich darauf weiter eingehe, sei der Ehrlichkeit halber vorausgeschickt, dass ich bis dahin auch von Stephan Mörsch noch nichts gehört hatte. Oder doch? Hatte ich es nur vergessen? Wie zum Kuckuck kam der Katalog zwischen Bücher, die ich allesamt schon mehrfach in Händen gehabt hatte? Der wäre mir doch aufgefallen. -– Es wird wohl ein Rätsel bleiben. Jedenfalls habe ich mich inzwischen informiert: Stephan Mörsch, geboren 1974 in Aachen, studierte Kunstgeschichte, Neue Deutsche Literatur und Vergleichende Religionswissenschaften, ging dann nach Maastricht, um an der dortigen Academie Beeldende Kunsten zu studieren und setzte dieses Studium nach zwei Jahren in Hamburg fort, unter anderen bei einem Professor, den zu kennen ich allerdings die Freude habe. Ob der…? Nein, ich will jetzt nicht länger spekulieren, wo der Katalog herkommt. Ich wollte doch auf Stephans Mörschs Blick auf Quedlinburg zu sprechen kommen. Um es kurz zu machen: Es ist ein nächtlicher. Björn Egging, der Leiter der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg, wo Mörschs Zyklus 2008 ausgestellt wurde, schreibt dazu: „Stephan Mörsch zeichnet in der Regel nicht nach Fotografien, sondern direkt vor Ort. In Quedlinburg wählte er den Weg durchs mittelalterliche Zentrum hinaus zu den Plattenbauten und weiter bis in die Schrebergärten.“

Nächtliche Bilder faszinieren mich immer. Das Verfremdende und gleichzeitig seltsam Trauliche der Dunkelheit übt einen großen Reiz aus. Was jedoch nächtliche Wege durch Städte angeht, da bin ich eben eine Frau. Ich weiß nicht wie oft in jüngeren Jahren ich diese oder jene nächtliche Straße entlangging, oft genug bezaubert von der nächtlichen Atmosphäre, von der Stille, die nur vom Echo der eigenen Schritte gestört wird, bis… … Waren das nur meine Schritte? Lief da noch jemand? Folgte mir gar? Und vorbei war es mit dem Zauber der Nacht. Stephan Mörsch hat ihn festgehalten. Jede einzelne Zeichnung scheint genau jenen Moment des Innehaltens zu bannen, kurz bevor meine Furcht den Traum in einen Alptraum verwandeln würde. Die Zeichnungen kann ich anschauen, ohne dass mich ein Dämon beschleicht.

Ich würde Stephan Mörsch nicht gerecht, wenn ich hier den Eindruck entstehen ließe, sein Werk bestünde nur aus Zeichnungen, egal wie gut mir diese gefallen. Unbedingt erwähnen sollte ich die modellhaften Skulpturen: Lauben, Zäune, detailbesessen nachgebaut. Beim Betrachten der Abbildungen im Katalog muss ich allerdings meine Phantasie bemühen, um mir die Wirkung vorzustellen, das Niedliche und Spießige, auch die Geduld und das handwerkliche Geschick des Bastlers, der derselbe ist, wie der, der nachts durch die Stadt läuft, ohne sich zu fürchten, wie ich es täte, mit einem Blick für Licht, Schatten, Perspektive und für Schönheit, die dem vorbehalten bleibt, den Schatten nicht erschrecken.

Stephan Mörsch: „Quedlinburg“
Hrsg. von Björn Egging, 2008
Ausstellungskatalog, 32 Seiten, 8,- €
ISBN 978-3-938801-53-6

Mehr zu Stephan Mörsch auch bei Marta Herford.

Advertisements