Was an Vladimir Jabotinskys Roman „“Die Fünf““ bemerkenswert ist -– noch bevor man sonst etwas darüber weiß, geschweige denn darin gelesen hat: Sein Autor verstarb bereits 1940 (im amerikanischen Exil), und er war eigentlich auch kein Schriftsteller, sondern eher politisch aktiv. Er war Zionist und Gründer der Jüdischen Legion im Ersten Weltkrieg. Mit „“Die Fünf““ setzte er seiner Geburtsstadt Odessa ein literarisches Denkmal. Wenn ein deutscher Verlag diesen Roman, nach dem hier kein Hahn gekräht hatte, nach so langer Zeit für übersetzenswert erachtet hat und angesehene Literaturkritiker behaupten, er gehöre zum Besten, was in den letzten Jahren veröffentlicht wurde, musste ich dieses Buch lesen. Hinzu kam, dass es sich um die Geschichte einer Stadt handelt. Ich mag Städte. Ich reise gern in Städte. Von ihnen verstehe ich mehr als vom Land, denn ich bin in der Großstadt geboren, aufgewachsen und habe (fast) immer hier gelebt. Und in keiner dieser Erwartungen wurde ich von Jabotinsky enttäuscht. Eine großartige, dem Stoff wunderbar angemessene Schreibe und eine Liebeserklärung an eine Stadt, wenn auch eine, die, so wie Jabotinsky sie beschrieb, nicht mehr existiert. Mit dem Niedergang der jüdischen Gesellschaft in Odessa, den Jabotinsky in Form einer Familiensaga schildert, verlor Odessa alles, was es groß und strahlend und atmosphärisch einmalig gemacht hatte.

Vladimir Jabotinsky wählt als Erzählposition die eines Freundes der Familie, der über die Jahre hinweg, bald dem einen, bald dem anderen Familienmitglied näher, bald in engerem und dann wieder nur im losen Kontakt steht. Oft äußert er Zweifel an der Richtigkeit seiner Erinnerungen, doch gerade diese „Unschärfen“ gestatten es dem Leser, die vielleicht ehrlichste Haltung einzunehmen, die man den Personen in einem von einem Fremden über Fremde verfassten Roman gegenüber einnehmen kann: keine Identifikation, die immer mit einer Projektion einhergeht, sondern eine anteilnehmende Distanz wahrend.

Und obwohl ich „“Die Fünf““ der Beschreibung Odessas zu Beginn des 20. Jahrhunderts wegen gekauft hatte, schenkte mir die Lektüre -– als Draufgabe -– noch einiges an nachdenkenswerter Philosophie. Da wäre zum Einen das Resümee des Ich-Erzählers: „Alles Gute, das es auf der Welt gibt, ist Zärtlichkeit.“ – Diese Worte, die dem Verstand eines Kätzchens entspringen könnten, enthalten eine Wahrheit, deren Tiefe der Mensch, wenn überhaupt, oft erst in den Jahren begreift, wenn die Zärtlichkeiten zu seltenen Kostbarkeiten werden, und die idealistische Liebe zwar ihren Idealismus bewahrt hat, aber nicht mehr wärmt. – Ganz wunderbar aber fand ich auch– – ebenfalls fast am Ende des Romans –- Milgroms Worte über das Kaddisch, das zu sprechen auf einer jüdischen Beerdigung notwendig ist. Dieses Gebet enthält keinen Hinweis auf Schmerz und Verlust. Es ist eine geradezu absurde Anhäufung von Lobpreisungen Gottes. Und Milgrom erklärt dazu, es sei ja keineswegs der Fall, dass nicht auch der frömmste Jude in der Stunde eines großen Schmerzes Gott verfluchen oder zumindest ihm Vorwürfe machen möchte. Aber er wisse eben, dass ganz in der Nähe, hinter einem Stein der Teufel hocke, der nur darauf wartet, so etwas zu hören. Also wird Gott noch lauter gepriesen als sonst, was nichts anderes bedeutet, als: „Misch dich nicht ein, Satan. Meine Rechnung mit Gott -– das ist eine Sache zwischen uns beiden, wir sind seit langem Kompagnons, wir werden uns schon irgendwie einig. Du aber halt dich raus.“

Vladimir Jabotinsky
Die Fünf
Die Andere Bibliothek, Februar 2013
267 Seiten
ISBN: 9783847713364

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