Borussia Dortmund hat ein Problem. Das Problem ist nicht neu, scheint sich in letzter Zeit aber wieder verstärkt bemerkbar zu machen: Rechtsradikale Fans. Der Deutschen liebster Sport werde von ihnen regelrecht unterwandert, meinen einige Beobachter der Entwicklung. Der Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski von der Universität Hannover widerspricht dieser Meinung. Menschenfeindliche Einstellungen wie Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie seien tief in der Gesellschaft verankert, sagt er, doch im Fußball würden sie wie unter einem Brennglas verdichtet auftreten: Durch Feindschaften zwischen Fangruppen, durch Männlichkeitskult, Überlegenheitsdenken, die Vereinsliebe als überhöhte Interpretation von Heimat, Ehre, Loyalität. – Ich hörte das gestern im Radio, und obwohl ich mich für Fußball eher wenig interessiere, machte ich mir meine Gedanken. Stadien, die von den Nazis so gern für die „Choreographie der Massen“ genutzt wurden –- so überlegte ich, sind offenbar das Biotop, in dem ein bestimmtes Gedankengut besonders gut gedeiht. Da muss einer gar kein Rechter sein, es genügt, wenn er ein paar Vorurteile nicht gründlich reflektiert, es ist ausreichend, wenn er sich einbildet, Fremde würden ihm seinen Arbeitsplatz oder seinen Lebensraum (oder auch nur sein Stückchen verdorrten Rasens im Freibad) streitig machen, damit unter „“günstigen““ Bedingungen aus dem blinden Vorurteil ein ebenso blinder Hass wird.

Heute hat in München der NSU-Prozess begonnen, und da es (zumal unter den für die Presse nicht ganz leichten Bedingungen) am ersten Tag noch nichts zu berichten gibt, unterhält das Radio die Hörer mit Umfragen, was sie sich von diesem Prozess erhoffen, und was sie dem Gericht nicht zutrauen. Natürlich kommt dabei immer wieder die Sprache auf die „Ermittlungspannen“. Das müsste alles aufgeklärt werden, so die Volksmeinung, die ich im Übrigen teile. Nur ist das nicht die Aufgabe eines Strafgerichts. Damit wird sich ein Untersuchungsausschuss oder eine Enquete-Kommission befassen müssen. Und während ich mir anhörte, wie wieder Stimmen laut wurden, es sei längst nicht damit getan, dass dieser oder jener seinen Hut genommen habe, fielen mir plötzlich die Worte von Gerd Dembowski wieder ein. Nicht nur ein Fußballstadion und die dort herrschende Atmosphäre bieten den Nährboden für rechtes Gedankengut. Es gibt vielleicht auch Berufsgruppen, bei denen „Blindheit auf dem rechten Auge“ als Berufskrankheit häufiger auftritt als in anderen Gewerken. Ich will damit nicht etwa sagen, alle unsere Verfassungsschützer und Ordnungshüter hätten einen Sehfehler. Aber das Ordnungshüten ist schon eine leidige und oft genug undankbare Angelegenheit. Ich verstehe absolut, dass einem Leute mit verschrobenen Ideen, die aber doch „sonst ganz ordentlich“ sind, weniger auf den Sack gehen als diese linken Chaoten. Wer jeden Tag zum Dienst muss und nach Abzug der Steuern mit seinem Gehalt mal eben über die Runden kommt, findet einen Glatzkopf mit Springerstiefeln, der einer geregelten Arbeit nachgeht, wohl weniger suspekt als so einen Sozialschmarotzer mit grünen Haaren. Ich meine das vollkommen ernst. Ein Polizist, dem im Zweifelsfall ein Haufen bunter Vögel, der ein Haus besetzt hat, lieber ist als eine Wehrsportgruppe, die sich (mit amtlicher Genehmigung) jedes Wochenende im Wäldchen am Stadtrand trifft, … Chapeau!

Und weil ich das alles so gut verstehe, finde ich es auch gut, wenn man nicht auf die Kleinen losprügelt, sondern wenn zum Beispiel im Falle der oben erwähnten Ermittlungspannen die höheren Chargen die Verantwortung übernehmen und ihren Posten räumen. Allein, was nützt das, wenn sich bei den Untergebenen nichts ändert?

Es ist ein heikles Thema, und wer sich darauf einlässt, wird sich schnell von Fettnäpfen in Badewannengröße umzingelt sehen. Trotzdem führt auf Dauer kein Weg daran vorbei, einzusehen, dass es zwar ein Fortschritt ist, nicht mehr stets die kleinen zu hängen und die Großen laufen zu lassen, dass hin und wieder aber auch ein Kleiner der eigentlich Schuldige sein kann. Das gilt nicht nur für Ermittlungspannen bei der Polizei. Das kann für nie fertig werdende Großflughäfen gelten und für so manches andere Vorhaben, das gründlich in den Sand gesetzt wird. Viel zu schnell begnügen wir uns damit, dass eine möglichst hochgestellte Persönlichkeit die alleinige Verantwortung übernimmt. Und hat der Gedanke, dass auch der kleine Mann etwas bewirkt (oder verhindern kann) nicht auch etwas Gutes? Man muss es nur wissen und danach handeln -– also angemessen honorieren oder ebenso angemessen zur Verantwortung ziehen.

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