Mitten in der Nacht erwachte ich mit dem unbezwingbaren Verlangen, jetzt sofort eine Orange zu essen. Der Gedanke an Orangen kam nicht von ungefähr. Am Tag zuvor hatte ich ein Netz Orangen gekauft, und als ich sie zu Hause in die Obstschale legen wollte, stellte ich fest, die Schale war zu klein. Die Orangen waren riesig. Im Laden waren sie mir so groß gar nicht vorgekommen. Ich musste eine andere Schale heraussuchen und war mit den Orangen ein Weilchen beschäftigt. Es war also nicht verwunderlich, wenn sie in meinem Traum wieder auftauchten und mir Appetit machten. Überraschen war die Intensität dieses Appetits, und dass ich ihm tatsächlich nachgab. Es kommt ja gar nicht so selten vor, dass ich nachts aufwache und dann vielleicht etwas Durst habe oder Lust, in dem Buch zu lesen, das auf meinem Nachttisch liegt. In 99 Prozent dieser Fälle versage ich es mir mit der Begründung: Die Nacht ist zum Schlafen da. Ich brauche ausreichend Schlaf. Wenn ich aufstehe, um etwas zu trinken, oder das Licht anknipse, um ein Viertelstündchen zu lesen, kann ich vielleicht stundenlang nicht wieder einschlafen.

Meinem Appetit auf eine Orange aber konnte ich nicht widerstehen. Ich stieg aus dem Bett, setzte mich an den Küchentisch, wählte eine Orange aus der Schale, betrachtete sie, schälte sie und aß sie mit kaum beschreiblichem Genuss. Als ich mich wieder ins Bett legte, empfand ich eine so tiefe Befriedigung, wie sie mir nur von ganz anderen Genüssen in Erinnerung ist. Ich dachte: Dies ist der eigentliche Sinn der Nacht, ihr unbestreitbarer Höhepunkt. Nein, es war zweifellos der Sinn aller Nächte. Nur dafür ging man überhaupt zu Bett, um mitten in der Nacht, zu einer geheiligten Stunde, aufzustehen und eine Orange derart zu genießen. Ich musste diese Wahrheit der Welt nur noch verkünden.

In den Minuten, die vergingen, bis ich wieder einschlief, stellte ich mir vor, wie in naher Zukunft, zur heiligen Nachtstunden, überall die Lichter angehen würden und Menschen sich aus ihren Betten erhoben, um -– von andächtigem Genuss erfüllt -– eine Orange zu verzehren, dabei sich verbunden wissend mit dem Rest der Stadt und des Landes, ja, mit dem Rest der ganzen Menschheit, denn, wie die Lehre sich verbreitete, würde der nächtliche Orangenverzehr durch die Zeitzonen um den Globus laufen. Eine Welle des Friedens. United we eat.

Beim Erwachen am Morgen hatte die Idee allerdings viel von ihrer Überzeugungskraft eingebüßt. Ich konnte die politischen Kommentare schon hören, die kritisch anmerkten, dass die Hälfte der Menschheit nicht über eine Orange pro Tag (Nacht) verfügte. So jedenfalls ist der Weltfrieden nicht zu erreichen. Aber ich konnte ja zumindest dem Inniggeliebten von meiner nächtlichen Orange erzählen und ihn fragen, ob wir dies als gemeinsames Ritual pflegen wollten, gerade in Zeiten der Trennung. Wie süß und köstlich wäre es, nachts eine Orange zu essen, wissend, dass der Andere es auch gerade tat. Doch dann käme das Wiedersehen, und gewiss wäre mindestens einer von uns unbedacht genug, dumme Fragen zu stellen: Hast du auch wirklich immer daran gedacht, Orangen im Haus zu haben? Hast du beim Essen an mich gedacht? Brauchtest du einen Wecker, um zur bestimmten Stunde aufzustehen, oder bist du von selbst erwacht? -– Und mit den Fragen kämen die Lügen, so wie sie immer kommen, wenn aus der Lust eine Pflicht wird. Besser wäre es, ihm gleich zu gestehen, dass ich ihn einmal, ein einziges Mal betrogen habe –- mit einer Orange. Nicht eine Sekunde lang dachte ich an ihn, während der Saft meinen Mund füllte, mir vor Glück fast schwindelig war und ich, den Geschmack noch auf den Lippen, wieder in die Kissen sank.

Besser, ich schweige, und die Orange bleibt mein süßes nächtliches Geheimnis.

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