Gestern wunderte ich mich, weil in der Sendung PISAPLUS während einer lebhaften Diskussion über Chancengleichheit im Bildungssystem mehrmals die Frage gestellt wurde: „“Wollen Sie damit sagen, dass, wer nicht in eine Akademikerfamilie sondern in eine bildungsferne Familie hineingeboren wurde, einfach nur Pech gehabt hat?““ Was mich aber noch mehr wunderte: Keiner der so Provozierten antwortete: „“Genau das will ich sagen.““

Warum wird immer wieder die simple Tatsache negiert, dass unser Eintritt in diese Welt mit Chancengleichheit nichts zu tun hat. Wir haben Glück gehabt – und noch mehr Glück, wenn niemand uns die guten Aussichten vermasselt hat, bevor wir alt genug waren, uns selbst um den Fortbestand unseres Glücks zu kümmern. Oder wir hatten weniger Glück, und schlimmstenfalls kam noch Pech hinzu; vielleicht aber sorgte jemand oder etwas dafür, dass sich für uns einiges oder gar alles zum Besseren wendete.

Wenn wir nicht von Glück und Pech sprechen, sondern immer nur von Privilegien und gesellschaftlicher Benachteiligung, schafft man ein Klima der „Wiedergutmachung“. Die einen fühlen sich verpflichtet, die anderen meinen, von Hause aus einen Anspruch zu haben, und allen Anstrengungen, die daraus resultieren, haftet etwas Freudloses und leider auch oft Fruchtloses an.

In dem Buch, das ich mir vor einigen Tagen auf dem Merkzettel notierte und dann auch gleich besorgte, las ich heute Morgen:

Ich erinnere mich an ein Haus, ein Zinshaus von Roniker, glaube ich, in jenem Revier, in dem wir beide unseren Rundgang machen sollten. Dort gab es etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte: einen zweigeschossigen Keller. Die Fenster beider Etagen gingen natürlich auf einen Graben hinaus, doch auch innen lag hinter den Fenstern zunächst nur ein Flur über die gesamte Länge, die Zimmer bekamen nur von diesem Flur her Licht. Ich kann die Armut ebenso wenig beschreiben, wie ich einer lebenden Fliege Beine und Flügel ausreißen oder überhaupt ein Geschöpf langsam quälen könnte. Ich erinnere mich, dass in meinem Kopf unaufhörlich ein banaler Gedanke summte: Es hing an einem seidenen Faden, als du geboren wurdest -– ein kleiner Fehler in Gottes Hauptbuch, oder wenn er es sich im letzten Moment anders überlegt, etwas durchgestrichen und eine Zeile darunter eingetragen hätte, und du würdest heute hier leben, im unteren Keller, und die Jungen aus dem oberen Keller beneiden, und sie würden auf dich herabsehen. Ich genierte mich für meinen Mantel, dafür, dass ich zuvor eine Stunde lang bei Kaffee und türkischem Honig im griechischen Café der Roten Gasse gesessen und dafür 25 Kopeken ausgegeben hatte, das Budget dieser Leute für einen ganzen Tag. Und wie immer, wenn ich mich genierte, schaute ich beim Rundgang durch diese Höhlen finster drein, sprach mit den Bewohnern streng und offiziell und antwortete auf ihre Bitten kühl: Wir werden uns bemühen. Wir werden sehen. Ich kann nichts versprechen.

aus „Die Fünf“ von Vladimir Jabotinsky

Ja, „… „…wie immer, wenn ich mich genierte, …“…“, das ist es, worauf ich hinaus will. Es ist nicht nur richtig, etwas für die Chancengleichheit in der Bildung zu tun, es ist von immenser Wichtigkeit und jede Mühe wert. Und gerade deshalb sollten wir uns unserer Privilegien nicht schämen, sondern sie freudig nutzen, um den weniger begünstigten Kindern und Jugendlichen zu einem guten Start zu verhelfen.

Jabotinsky_Die_Fuenf
Vladimir Jabotinsky
Die Fünf
Ab – die Andere Bibliothek (Februar 2013)
Roman, 267 Seiten
ISBN: 9783847703365

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