Es gibt nur zwei Arten, etwas über ein Buch zu sagen. Nummer eins: „Brilliant! Umwerfend! Musst du unbedingt lesen!“ Nummer zwei: „Absoluter Müll! Lass die Finger davon.“

So kann man es nachlesen auf Seite 29 von Viginia Ironsides Roman „Nein! Ich will keinen Seniorenteller!“, und dass ich dieses Zitat als Einleitung verwende, darf durchaus als Vorwarnung verstanden werden. Dass ich selbst das Buch nicht nach dem Lesen von Seite 29 in die Ecke warf, lag zum Teil daran, dass ich in letzter Zeit von der Arbeit geistig zu ausgelaugt war, um abends noch nach einem anspruchsvollen Buch zu greifen. Außerdem lese ich hin und wieder ganz gerne etwas, das meinen Widerspruchsgeist weckt, besonders dann, wenn es sich schon vom Titel her anbiedert, mir aus der Seele geschrieben zu sein. Und diesem zeitweiligen Wunsch nach Widerspruch entspricht das Tagebuch der Marie Sharp (Virginia Ironsides gleichaltriges, gerade 60 gewordenes Erzählerinnen-Ich) durchaus. Was will mir eine Frau erzählen, die von sich behauptet, am Abend, vor dem Ausgehen, in den Spiegel geschaut und eine rassige Schönheit mit Kussmündchen erblickt zu haben, der nach dem Aufwachen aber Charles Laughton im Morgenmantel aus entgegenstarrt. Mein Bad ist zu klein. Bei mir kann man nicht zu zweit vor dem Spiegel stehen. Ich sehe immer nur mich. Keine rassige Schönheit und keinen Charles Laughton.

Das Vertrackte ist: Manchmal hat sie auch Recht. Wenn sie zum Beispiel schreibt, unsere Generation, kurz nach dem Kriegsende geboren, sei einzigartig, weil sie ihre Kindheit in einer geradezu viktorianischen Zeit verbracht hat, als Wäsche noch mit der Hand gewaschen wurde, sich aber in der Blüte der Jugend befand, als die Sechzigerjahre mit ihrer technischen Revolution und sexuellen Befreiung das ganze Leben umkrempelten. Beim Lesen verstand ich plötzlich, warum mir Leute, die nur wenige Jahre älter sind als ich, oft vorkommen, als würden sie eher der Generation meiner Eltern als meiner eigenen angehören, und warum meine Töchter viel vernünftiger und sittsamer sind, als ich es war oder je sein werde. – Wann hätte jemals eine Generation so radikal mit der Lebens- und Denkweise der vorhergehenden Generation gebrochen, wie wir es taten?

Ich habe das Buch erst knapp zur Hälfte gelesen, und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich in der zweiten Hälfte über das Eine oder Andere stolpern und der Versuchung nachgeben werde, es hier im Blog zu kommentieren. Das Tagebuch der Marie Sharp wurde seit dem Erscheinen des „Seniorentellers“ fortgesetzt, scheint also seinen Leserkreis oder eher doch wohl Leserinnenkreis gefunden zu haben, denn was entdeckte ich heute in der Bahnhofsbuchhandlung? „Nein! Ich geh nicht zum Seniorentreff!“ und „Nein! Ich möchte keine Kaffeefahrt!“

Und, nein, ich habe sie nicht gekauft!

Virginia Ironside
Nein, ich will keinen Seniorenteller!
Goldmann Taschenbuch 46868
ISBN 978-3-442-46868-3