„Konrad“, sprach die Frau Mama,
„ich geh aus und du bleibst da.
Sei hübsch ordentlich und fromm,
bis nach Haus ich wieder komm.
Und vor allem, Konrad, hör!
lutsche nicht am Daumen mehr!
…

Gehorsam leitet sich von Gehör ab. Jemand spricht ein Ge- oder Verbot aus, ein Anderer hört es und reagiert durch entsprechendes Befolgen oder Unterlassen. Dass das nicht grundsätzlich so funktioniert, ist gut. Das wäre Kadavergehorsam. Dass es mittlerweile fast grundsätzlich nicht funktioniert, ist nicht gut. Gehorsam ist eine Sekundärtugend -– Tendenz: sinkend im Kurs.

Nehmen wir zum Beispiel das Gebot: „“Zurückbleiben!““

Folgende Geschichte ereignete sich vor gut vierzig Jahren in Berlin, auf dem U-Bahnhof Hermannplatz und wurde mir vom türkischen Freund einer damaligen Kollegin erzählt: Auf besagtem U-Bahnhof sprach ihn ein Landsmann an. Die beiden Männer gehörten sozusagen noch zur ersten, als Gastarbeiter bezeichneten Generation ausländischer Arbeitskräfte, und der andere war offenbar erst seit kurzer Zeit in Deutschland und der Sprache kaum mächtig. „“Entschuldigung, wann darf ich fahren? Ich warte schon eine Stunde““, fragte der Ortsfremde den als Landsmann erkannten Freund meiner Freundin in seiner Muttersprache. Der erkundigte sich, wohin er wollte, und sagte ihm, er könne mit jedem Zug fahren, der in diese Richtung geht. Aber über den Lautsprecher werde doch immer „“Türken bleiben!““ ausgerufen, wandte der Andere ein.

Es gibt hier immer noch Leute, die kaum Deutsch sprechen –- dies gilt natürlich auch für viele ausländische Touristen. Dass jemand sich nicht in einen Zug zu steigen getraut, weil er die Ansagen falsch versteht, dürfte eher nicht mehr passieren. Das hat mit Sprachkenntnissen aber nichts zu tun. Deutsche Mütter mit Kinderwagen oder Kleinkind an der Hand, missachten die Aufforderung, zurückzubleiben ebenso, wie arabische Großfamilien, von denen einer gewaltsam die Tür der zur Abfahrt bereiten Bahn aufhält, während die restliche Familie noch die Treppe zum Bahnsteig herunter gepoltert kommt, und auch holländische Touristengruppen finden es wahnsinnig komisch, wenn sie sich auf dem Hauptbahnhof mit Koffern und Rucksäcken in die übervolle S-Bahn zwängen, während das Warnlicht über der Tür schon seit einer Minute hektisch blinkt.

Liegt das daran, dass BVG und Bahn zu höflich geworden sind? Schon seit einigen Jahren ist aus dem gebellten „“Zurückbleiben!““ ein (manchmal sogar freundliches) „“Zurückbleiben, bitte!““ geworden. Gestern hörte ich zum ersten Mal auf einem Bahnhof, den von einer elektronischen Stimme gesäuselten Sicherheitshinweis, man bitte die Fahrgäste im Interesse ihrer eigenen Sicherheit, die Warnleuchten, die das Schließen der Türen ankündigen, zu beachten. – Ob das hilft?

Oder sollte man lieber zum alten Kasernenhofton zurückkehren und noch eins draufsetzen? „“Zurückbleiben, verdammt noch mal! Ihr Ärsche!““

Oder sollte man das Problem des Unfallrisikos und der immer häufiger anzutreffenden Türen mit dem Aufkleber „“Türstörung““ in Berlin so lösen, wie andere deutsche Großstädte es bereits gelöst haben, nämlich durch Sensoren, die das Schließen der Türen verhindern, solange sich jemand im Türbereich befindet. Und wenn die Türen nicht geschlossen sind, fährt der Zug eben nicht ab. Fahrplan ade! Schließlich ist auch Pünktlichkeit eine Sekundärtugend, auf die jemand, dem die Sekundärtugend Gehorsam grundsätzlich am A….… vorbeigeht, keinen Anspruch erheben kann.

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