Es genügt nicht, ein einziges Brötchen gebacken zu haben, um sich fortan als Bäcker bezeichnen zu dürfen. Mit Mord ist das eine andere Sache. Da reicht ein Mal fürs ganze Leben. Ein Mörder kann seine Haftstrafe verbüßt, die Tat aufrichtig bereut und fortan ein unbescholtenes Leben geführt, er kann sogar Gutes getan, vielleicht sogar jemandem das Leben gerettet haben… Er bleibt ein Mörder. Wer aber einen alten Vater hat, der Zeit seines Lebens Bäcker war, auch wenn er nun fast blind und taub ist und nur noch mit Mühe gehen kann, der wird von ihm sagen: „Mein Vater war Bäcker.“ War! Tief in seinem Unterbewusstsein schlummert noch all das Wissen, das zum Backen guten Brotes gehört, schlummern die Befehle, welche die Hände den Teig kneten und formen ließen. Er war Bäcker. Vielleicht gab es eine Zeit, da er gar kein Bäcker werden wollte. Er wäre lieber zur See gefahren. Aber da war die Backstube des Vaters, die der Sohn einmal übernehmen sollte, und da war dieses Mädchen, das ihm gefiel, das aber keinen Seemann wollte. Nun ist er ein „ehemaliger“ Bäcker, obwohl das so nun auch wieder niemand sagt. So spricht man nur von Amtswürden: ein ehemaliger Bürgermeister, Minister, Staatspräsident … Unter keinen Umständen würde man von einem ehemaligen Mörder sprechen.

Kees Popinga hat nichts dagegen, wenn die Zeitungen ihn den Mörder aus Holland nennen. Als Lustmörder möchte er allerdings nicht bezeichnet werden, und Holland hat auch nichts damit zu tun, findet er. Am meisten aber ärgert es ihn, für geisteskrank gehalten zu werden. Popinga ist sicher, nie bei klarerem Verstand gewesen zu sein.

Er ist neununddreißig Jahre alt, und bis vor Kurzem lebte er mit seiner Frau („Mutti“ genannt), der Tochter Frida (15) und dem Sohn Carl (13) in einer Villa in Groningen und arbeitete als Prokurist bei Julius de Coster en Zoon (Reederei und Schiffsausrüster). Zwar befiel ihn manchmal ein seltsam sehnsüchtiges Gefühl, wenn er einem Zug nachschaute, vor allem wenn es ein Nachtzug war, und doch wäre sein Leben wohl in schnurgerade Bahn weiter so verlaufen, wie alle – und nicht zuletzt er selbst – es erwarteten, hätte sich nicht jener Abend ereignet, an dem er – pflichtbewusst! – sich noch einmal vergewissern wollte, dass die Ozean III am Kai des Wilhelminenkanals auftragsgemäß betankt worden war und pünktlich auslaufen konnte. Wäre er stattdessen zu Bett gegangen, hätte er – wie der Rest der Stadt – erst am folgenden Morgen von dem Skandal erfahren. So aber traf Popinga auf einen wutschäumenden Kapitän, erfuhr, dass der Tanker mit dem Dieselöl nicht gekommen war und machte sich zu später Stunde auf die Suche nach Julius de Coster jr., traf ihn aber weder im Büro noch zu Hause an. Auf seinem Heimweg durch die nächtlichen Straßen Groningens glaubte er zunächst, seinen Augen nicht zu trauen, als er seinen Chef hinter dem Fenster eines verrufenen Lokals erspähte, das zu besuchen er de Coster niemals zugetraut hätte. Dort saß er allein an einem Tisch und schien sich mit Genever zu betrinken, und als er seinen Prokuristen am Fenster bemerkte, winkte er ihn herein.

Nun erfuhr Popinga nicht nur, dass die Reederei, für deren guten Ruf er seine Hand ins Feuer gelegt hätte, ihren wirtschaftlichen Erfolg hauptsächlich dem Schmuggel und sonstigen Betrügereien zu danken hatte, und dass dies schon zu Zeiten des Seniorchefs nicht anders gewesen war. Er musste sich auch vorwerfen lassen, ein schlechter Prokurist gewesen zu sein, weil er in all den Jahren nichts davon mitbekommen hatte, folglich auch nichts davon, dass nun etwas schiefgegangen war. Am nächsten Tag würde die Firma Julius de Coster en Zoon Konkurs anmelden müssen.

Vielleicht in einer sentimentalen Anwandlung schenkte der Bankrotteur seinem Prokuristen 500 Gulden, die Hälfte des Geldes, das er bei sich trug, und mit dem er selbst sich ins Ausland absetzen würde. Sorgen sollte man sich um ihn nicht. Kees Popinga dagegen würde die in einigen Tagen fällige Abzahlung auf seine Villa nicht leisten können. Gegen seine Gewohnheit hatte Popinga sich von seinem nun ehemaligen Chef zu einigen Gläsern Genever überreden lassen. Dann brachen die beiden Männer auf, und Popinga half Julius de Coster, seinen Selbstmord durch Ertrinken vorzutäuschen, bevor dieser sich in einen Nachtzug setzte, um das Land zu verlassen. Popinga selbst schlich sich in sein eheliches Schlafzimmer, und am nächsten Morgen weigerte er sich, aufzustehen. Erst als seine Frau ihm die Nachrichten zutrug, die inzwischen in Groningen die Runde machten, und sagte, die Polizei erwarte ihn in der Reederei, um ihn zu befragen, kleidete er sich an und verließ das Haus. – Bis hierhin eine Geschichte, wie sie sich im kleineren oder größeren Stil unglaublich oft auf der Welt zugetragen haben dürfte.

Kees Popinga begibt sich nicht ins Büro, sondern zum Bahnhof, um mit dem nächsten Zug Groningen zu verlassen. Er ist überraschend gefasst, keineswegs verzweifelt, sondern beinahe von einer Vorfreude erfüllt. Nicht ohne Häme malt er sich aus, wie seine Frau und die Kinder auf sein Verschwinden reagieren werden. Popingas erstes Ziel ist Amsterdam, wo, wie er am Vorabend erfahren hat, de Coster seine Geliebte, das Fräulein Pamela im renommierten Hotel Carlton untergebracht hat. Er kennt Pamela, deren aufreizende Erscheinung einst bei den Damen in Groningen für Empörung gesorgt hatte, und die ihm begehrenswert und unerreichbar erschienen war. Hier wundert sich der Leser, was denn Popinga auf die Idee bringt, dass, wer sein Bargeld brüderlich teilt, dies ebenso mit der Geliebten täte, die damit ja auch einverstanden sein müsste. Doch zum ersten Mal fühlt Kees Popinga sich seinem früheren Chef überlegen. Pamela aber lacht Popinga aus, als er bei ihr aufkreuzt. Das bringt ihn so in Rage, dass er sie mit einem Handtuch zum Schweigen bringt. Erst am nächsten Tag erfährt er aus der Zeitung, dass er Pamela endgültig zum Schweigen gebracht hat. Er bedauert dies ebenso wenig, wie dass er seine Tasche im Carlton vergessen hat. Früher oder später wird er sich der Polizei stellen und alles erklären, zunächst aber will er mit den 500 Gulden all die Dinge tun, die er sich ein Leben lang versagt hat. Er kauft sich eine Fahrkarte nach Paris, wo er sich – dem Klischee des alleinreisenden Mannes folgend – gleich vom Bahnhof zur Moulin Rouge fahren lässt. Es ist spät in der Nacht, und das Cabaret hat bereits geschlossen. Der Taxifahrer setzt ihn vor einem anderen Nachtlokal ab. Popinga bestellt sich Champagner und eine Zigarre und macht die Bekanntschaft einer Animierdame, die hoffentlich nicht so dumm sein wird, ihn auszulachen.

Georges Simenons Roman beschreibt die Entsozialisierung eines Mannes, dessen bürgerliche Welt plötzlich zusammengebrochen ist. Es überrascht, wie jemand, der eben noch das Leben eines Biedermannes geführt hat, sich kaltblütig mit Autodieben einlässt, beim Irreführen der Polizei eine Mischung aus Bauernschlauheit und krimineller Intelligenz an den Tag legt, gleichzeitig aber von den Pressemeldungen über seine Taten und seine Verfolgung derartig berauscht wird, dass er dem Drang, sich ahnungslosen Passanten zu erkennen zu geben, kaum widerstehen kann. Immer wieder erbittet er in Lokalen Schreibpapier und verfasst Briefe an den Kriminalkommissar, der die Ermittlungen leitet, aber auch an Zeitungen, die ein so falsches Bild von ihm geben, dass Popinga sich genötigt fühlt, es richtigzustellen. In einem langen Brief an einen Chefredakteur erklärt er, dass er nie der Sohn aus guten Hause, der gute Ehemann und Vater war, als den seine Frau ihn hinstellt. Nein, er, Kees Popinga, der Mann, der den Zügen nachsah, hatte im Grund schon immer ganz jemand anderer sein wollen. Doch bald schon erkennt er, dass auch das Bild, das er von sich in diesem Brief geliefert hat, ein Zerrbild ist. Unwillkürlich musste ich beim Lesen an Ortega y Gassets Satz denken: „Ich bin ich und meine Umstände.“

Am Ende aber gilt Kees Popinga als genau das, was er am vehementesten zu sein bestreitet. Splitternackt wird er verhaftet, nach Holland gebracht und dort in die Psychiatrie eingewiesen. „Mutti“ bezieht mit den Kindern ein Zimmer in der Nähe und verdient einen bescheidenen Lebensunterhalt in einer Keksfabrik. Einmal wöchentlich darf sie Kees besuchen. Der Psychiater kommt täglich, und als er Popinga fragt, ob er einen Wunsch habe, bittet dieser um ein Heft, in dem er „Die Wahrheit über den Fall Kees Popinga“ niederschreiben will. Als sich der Arzt Wochen später das Heft zeigen lässt, stellt er überrascht fest, das außer dem Titel nichts darin steht.
Popinga lächelt nur und murmelt: „Es gibt keine Wahrheit, oder?“

Georges Simenon (1903 – 1989) ist den meisten Lesern vor allem bekannt als Schöpfer des Kommissars Maigret, Hauptfigur in 75 Romanen und 28 Erzählungen, die Simenon innerhalb von über 40 Jahren verfasste. Und auch wenn es in Fall Popinga nicht Maigret war, dem die Verhaftung gelang, so hätte er über Popinga doch gedacht, wie Simenon über ihn geschrieben hat – ohne ihn zu verurteilen.

Georges Simenon
Der Mann der den Zügen nachsah
Süddeutsche Zeitung – Bibliothek 24
ISBN 978-3937793238