Ein Bildungsroman, so glaubte ich einst, sei ein Roman, der – neben einer mehr oder weniger spannenden/unterhaltsamen Handlung – Wissen (also Bildung) vermittelt. Dann las ich eines Tages, dass ein Bildungsroman mit Bildung – der des Lesers – nicht unbedingt etwas zu tun hat, sondern dass ein solches Werk die Entwicklung (Bildung) einer üblicherweise noch jungen Hauptfigur zum Thema hat. In diesem Sinne ist Judith Schalanskys Roman „Der Hals der Giraffe““, obwohl mit „Bildungsroman“ untertitelt, genau das Gegenteil. Bei Inge Lohmark, Biologielehrerin am Charles-Darwin-Gymnasium in einer schrumpfenden Kreisstadt im vorpommerschen Hinterland, entwickelt sich nichts – weder im Denken, noch was die beruflichen Perspektiven angeht. Die neunte Klasse des nur noch einzügigen Gymnasiums hat gerade mal noch zwölf Schüler. Wenn die ihr Abitur gemacht haben, wird die Schule geschlossen. Inge Lohmark unterrichtet frontal. Zum Beginn und Ende jeder Stunde müssen die Schüler aufstehen. Für ihre Kollegen, die das alles lockerer handhaben und sich von älteren Schülern sogar duzen lassen, empfindet Inge Lohmark nur Verachtung. Schule hat wie die Natur dem Leistungsprinzip und dem darwinistischen Konkurrenzkampf ums Überleben zu gehorchen. Aber auch für ihre Schüler hegt die alternde Lehrerin keine besonderen Sympathien. Sie sind „Nachschub fürs Rentensystem“. Wer den Anforderungen ihres Unterrichts nicht gerecht wird, hat auf einem Gymnasium nichts zu suchen. Wer dagegen die Gesetze der Natur verinnerlicht, ist gegen Enttäuschungen, Verlustschmerz oder andere, dem Überlebenskampf nicht zuträgliche Regungen gefeit.

Diese Art zu denken erstreckt sich auch auf Inge Lohmarks Privatleben. Ihr Mann Wolfgang, der früher als Veterinärtechniker in einer LPG Kühe mit Gefriersperma besamte, züchtet jetzt Strauße und hat es damit sogar zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Jedenfalls tauchen hin und wieder Reporter auf, um ihn zu interviewen. Gut so. Männer, die im biologischen Sinne ja Nicht-Frauen sind, wie Inge Lohmark ihren Schülern erklärt, haben einiges zu kompensieren. Liebe ist in ihren Augen „ein scheinbar wasserdichtes Alibi für kranke Symbiosen“ und die Ehe eine Zweckgemeinschaft. Enkel allerdings hätte sie gerne, doch ihre einzige Tochter Claudia, vor zwölf Jahren nach Kalifornien ausgewandert, lässt in den seltenen E-Mails nichts davon verlauten, ob sie sich mit der Absicht von Partnerschaft und Familiengründung trägt. Doch eines Tages trifft eine Mail mit Foto und dem Betreff „Just married“ ein. Das versteht sogar Inge Lohmark, die kein Englisch spricht.
„Inge Lohmark hatte das Gefühl, einen Bonbon zu verschlucken.“ Beim Lesen dieses Satzes befiel mich Schriftstellerneid. Da wusste ich noch nicht, dass es sich hier, wäre „Der Hals der Giraffe“ ein Film, um den ersten Plot Point handelt. Zwischen diesem und dem zweiten passiert wenig, und doch wurde mir das Lesen nicht langweilig. Nicht nur handelt es sich um einen Bildungsroman im von mir ursprünglich falsch verstandenen Sinne, und man kann seine Biologiekenntnisse gehörig auffrischen; Auch die zarten Illustrationen von Raupe und Pantoffeltierchen, über Quallen und Schnabeltier, bis hin zum Kreuzungsschema zweier Rinderrassen sind eine Freude. Mich beeindruckte, wie unaufgeregt und elegant Judith Schalansky brennende Themen anschneidet: Landflucht, Überalterung, Klimawandel … Bei alledem zeichnet sie mit knappen Sätzen ein Bild der Landschaft, die die 1980 in Greifswald geborene Autorin gut kennt.

Inge Lohmark, die dem Leser nicht gerade als Identifikationsfigur entgegenkommt, irritiert, denn ihren aus heutiger Sicht alles andere als „politisch korrekten“ Ansichten, kann man oft nur schwer widersprechen. Man beginnt – fast wider Willen – mit ihr zu sympathisieren. Irgendwie konnte ich auch verstehen, dass sie sich nach Unterrichtsschluss nicht mehr um die Belange ihrer Schüler kümmert, sondern an der Bushaltestelle nur distanziert beobachtet, wie ein Mädchen aus ihrer Klasse von den Mitschülern gemobbt wird, und lediglich hofft, dass das Gerangel keine Formen annimmt, die ihr Eingreifen unvermeidlich machen. Die natürliche Folge mangelnder Anpassung, gepaart mit Schwäche. So denkt diese Frau eben, die auch Sport unterrichtet und die Gewohnheit hat, die Verlierer an die Tafel zu schreiben. Jemand muss schließlich aufräumen. Doch im Weiterlesen beschlich auch mich ein leises Grauen vor der an Autismus grenzenden Weltsicht, vor der Anpassung, die in Erinnerungen an Zeiten vor und nach der Wende deutlich wird, den widersprüchlichen Instinkten und Trieben, nach außen unterdrückt und doch vorhanden, der zunehmenden Erstarrung in uneingestandener Angst, weil die Überlebensstrategien nicht mehr greifen. Irgendwann merkte ich, dass ich mit Herzklopfen weiterlas. Etwas lag in der Luft, als würde sich die Atmosphäre verdichten, wie sie es manchmal tut, bevor ein Unheil hereinbricht.

Hier möchte ich interessierten Lesern die Spannung nicht nehmen. Am Ende jedenfalls empfand ich Mitleid mit dieser in sich selbst gefangenen Frau, die auf mein (oder irgendwessen) Mitleid, natürlich keinen Wert legt. Die Natur kennt kein Mitleid. Mitleid! Das ist ja wohl das Letzte!

Es ist ein ungewöhnliches Buch und tut ungewöhnliche Dinge mit dem Leser. Es ist darüber hinaus sehr ansprechend aufgemacht, eingebunden in grobes Leinen, die Kapitel überschrieben, als handle es sich um ein Biologie-Lehrbuch. Vor allem aber ist es sehr, sehr gut geschrieben.

Cover

Judith Schalansky
Der Hals der Giraffe. Bildungsroman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011

buch