Mit dem Notizbuch hatte es angefangen – mit dem in Paul Austers „Stadt aus Glas“ und mit meiner Recherche bei Wikipedia, wo unter dem Stichwort Moleskine auf Bruce Chatwins „Traumpfade“ verwiesen wird. Aber es gibt noch mehr Parallelen zwischen den beiden Romanen, die im Abstand von nur zwei Jahren erschienen. Es geht um Wege – bei Chatwin um die Traumpfade der Aborigines, auf denen ihre Ahnen wanderten und die Welt ins Dasein sangen, bei Auster um die scheinbar völlig unverständlichen Wege eines alten Mannes, auf denen Austers Protagonist ihm in seiner Rolle des Detektivs folgt, ohne den geringsten Sinn erkennen zu können, bis er plötzlich meint, eine verschlüsselte Botschaft darin zu entdecken. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass Auster, von Chatwin inspiriert, eine Umkehrung von dessen Roman geschrieben hat: Nichts ist von Bedeutung, jeder Weg ein Umweg, wenn nicht Irrweg, und jeder daraus zu ziehende Schluss von vorn herein dazu verurteilt, sich als Irrtum zu erweisen. Nur ist eben Austers Buch vor dem von Chatwin erschienen, und Chatwin wiederum war ein lebenslang Reisender, sein Wunsch, mehr über die Traumpfade zu erfahren mit Sicherheit älter als Austers erste Idee zu seinem Roman. Dass Parallelen sich in der Unendlichkeit schneiden, habe ich bis heute nicht wirklich verstanden, und so werde ich auch nicht weiter versuchen, das eine Buch durch das andere zu erklären.

Bruce Chatwin, 1940 in Sheffield geboren, verstand es meisterlich, sein eigenes Leben zum Mythos zu machen. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er bei zwei altjüngferlichen Tanten in Stratford-on-Avon, und mit einigen dieser Kindheitserinnerungen, die bis in die Kriegsjahre zurückreichen, beginnt der Roman und zeigt ganz wunderbar, dass eine schöne und die Phantasie beflügelnde Kindheit nicht zwingend das ist, was Sozialpädagogen empfehlen. Weder die Mickymaus-Gasmaske, noch botanische Zweifel an den Pfaden, auf denen Shakespeare gewandert sein und dies oder jenes gedacht oder geschrieben haben soll, taten dem einen Abbruch. Später studierte Chatwin Archäologie in Edinburgh, nahm eine Stelle im Auktionshaus Sotheby’s in London an und arbeitete sich zum Leiter der Impressionismus-Abteilung hoch, bis ihm plötzlich seine Augen Probleme bereiteten. Die Ärzte befürchteten seine Erblindung und rieten ihm, seine Stelle aufzugeben und dorthin zu reisen, wo er ins Weite schauen konnte.

Ich unterbreche die Wiedergabe der Legende kurz. Es gibt nämlich auch die Version, Chatwin habe, statt das Studium aufzunehmen, eine Stelle als Botenjunge bei Sotheby’s angenommen und dann die erwähnte Karriere gemacht. Nun fragt sich, ob das Auktionshaus so schlecht oder so gut zahlte. Wenn ich mir die Szene vorstelle: Jemand sitzt mit einem Augenleiden beim Arzt, und der legt ihm nicht nur nahe, seinen die Sehkraft verschleißenden Broterwerb aufzugeben, sondern rät ihm gleich zu Reisen in die Wüste oder ans Meer … Entweder kann man sich das leisten, oder man hat sowieso nichts zu verlieren. In jedem Fall, wer von Hause aus ein finanzielles Polster mitbringt, verdingt sich nicht als Botenjunge. Will man Chatwin jedoch glauben, so geschah eben dies. Er befolgte den Rat, und kaum war er dem Flugzeug entstiegen, waren seine Augen geheilt. Und wer bin ich, dass ich an seinem Lebens-Mythos herummäkele? Feststeht, dass Chatwins literarische Karriere 1977 mit „In Patagonien“ ihren Anfang nahm. „Der Vizekönig von Quidah“ (1980) wurde 1987 von Werner Herzog unter dem Titel „Cobra Verde“ mit Klaus Kinski verfilmt, und im selben Jahr erschien „Traumpfade“. Chatwin reiste und schrieb. Sesshaftigkeit war nicht seine Sache. Und während Lee Marvin sich mit der Feststellung „I was born under a wondering star“ begnügte, befleißigte Chatwin sich, eine tiefer liegende Ursache für seine Reiselust zu finden – am besten die, dass das Nomadentum die dem Menschen einzig entsprechende Lebensform sei. Vielleicht war ja pädagogisch doch etwas schief gelaufen in Stratford-on-Avon – nicht wegen der Wanderlust, sondern wegen des exzessiven Bedürfnisses sie zu rechtfertigen. Dem Hang zum Mythos blieb Chatwin jedenfalls bis an sein Ende treu. Er starb 1989 im Alter von nur neunundvierzig Jahren in Nizza an AIDS. Freunden gegenüber hatte er stets von einer rätselhaften Rückenmarkserkrankung gesprochen. Diese meine Betrachtung klingt vielleicht kritischer als ich sie meine. Tatsächlich hege ich durchaus Sympathien für Menschen, die sich mit einer Legende umgeben, und ich habe „Traumpfade“ mit dem Vergnügen gelesen, das ein gut geschriebener Abenteuerroman bereitet. Jedenfalls gilt das für etwas mehr als die erste Hälfte des Buches. Dann, auf Seite 204 meiner 368 Seiten starken Ausgabe, ändert sich der Stil.

Bis hierhin hat Bruce Chatwin flüssig und unterhaltsam von seiner 1982 unternommenen Reise nach Australien berichtet, wohin er aufgebrochen war, um mehr über die Traumpfade der Aborigines zu erfahren. Sehr lebendig schildert er die Menschen, denen er begegnete. In Alice Springs trifft er sich mit Arkady Wolschok, kurz Ark genannt, der im Auftrag der Eisenbahngesellschaft, mit den Aborigines redet und die Ingenieure beim Bau einer neuen Strecke zwischen Darwin im Norden und Alice Springs im Süden berät. Dabei geht es immer wieder darum, dass durch den Bau der Eisenbahn keine Heiligtümer der Eingeborenen verletzt werden dürfen, und davon gibt es unendlich viele, und für die Weißen sind diese heiligen Stätten oft gar nicht zu erkennen. Arkady nimmt Bruce auf eine Dienstreise nach Cullen im Landesinneren mit.

Die Weißen veränderten ständig die Welt, um sie ihrer zweifelhaften Zukunftsvision anzupassen. Die Aborigines verwendeten alle ihre geistigen Kräfte darauf, die Welt so zu erhalten, wie sie war.
(Seite 154)

Der Roman beschreibt mit liebevollem Humor Charaktere und Verhaltensweisen einiger Aborigines. Doch Chatwin greift auch immer wieder geschickt in die Erinnerungskiste. Besonders gefiel mir die Schilderung eines Zusammentreffens mit Konrad Lorenz in Altenberg an der Donau.

Während des Aufenthalts in Cullen bringt ein Unwetter so viel Regen, dass der Rückweg selbst für den Landrover unpassierbar wird. Arkady reserviert per Funktelefon Plätze für sich und Bruce im Postflugzeug, doch im letzten Moment überlässt Bruce seinen Sitz einer Frau, die dringend nach Alice Springs ins Krankenhaus gebracht werden muss. Bruce bleibt alleine und länger als erwartet in Cullen zurück, wo man ihm einen recht ordentlichen Wohnwagen als Quartier angeboten hat. Für mich geradezu rührend ist die Beschreibung, wie er sich hier einen Arbeitsplatz einrichtet, um endlich die mitgenommenen Notizbücher zu sichten. Und mit dieser Szene leitet Chatwin den zweiten Teil des Buches ein, der vorwiegend aus eigenen Reisenotizen, Gedanken und abgeschriebenen Zitaten besteht. Da ist es plötzlich vorbei mit der flotten Lektüre einer ganz spannenden Geschichte. Plötzlich wird schwere Kost serviert. Nach jedem Abschnitt hatte ich das Bedürfnis, eine Pause zu machen und das Gelesene zu überdenken. Daran ist ja nichts grundsätzlich verkehrt, aber so mitten im Fluss eines Romans trifft einen das doch etwas unerwartet und stört den Leserhythmus empfindlich. Diese Störung mag von Chatwin durchaus beabsichtigt gewesen sein. Es war ihm ernst mit der Frage, wie der Mensch von der Natur gemeint ist. Mit den teils widersprüchlichen Standpunkten, mit denen er sich auseinandergesetzt hat, soll auch der Leser sich auseinandersetzen. Die eigentliche Geschichte der Australien-Reise stagniert. Die „Notizen“ werden nur kurz unterbrochen, zum Beispiel um eine sehr unerquickliche Jagd auf Kängurus zu schildern. Es kommt dann auch nicht mehr viel Handlung. Irgendwann taucht Arkady wieder auf. Das Eisenbahnprojekt muss aus finanziellen Gründen abgebrochen werden. Ein Aufschub, keine Lösung.

„Traumpfade“ sensibilisiert für die Probleme der Aborigines und ist zweifellos bis heute eine geeignete Lektüre, um sich auf eine Reise nach Australien vorzubereiten. Nun habe ich ja gar nicht vor, jemals nach Australien zu reisen, und ich werde Chatwins Roman, der eigentlich keiner ist, diesen autobiographischen Reisebericht also (was auch nur bedingt stimmt, denn die Namen sind verändert, nur Bruce ist eben Bruce, aber Salman Rushdie wird ganz unterschlagen) auch nicht zu meinem Lieblingsbuch erklären. Trotzdem halte ich es für ein wichtiges Buch, denn die Frage, „wie wir gemeint sind“, treibt uns letztendlich alle um, und das Problem des land grabbing ist kein auf Australien beschränktes, sondern treibt auch in Afrika Menschen von der Armut ins Elend. Es muss auf dieser Erde auch die Freiheit geben, arm zu bleiben.

Vermutlich hat kein Schriftsteller dem Tourismus in Australien so sehr geholfen wie Bruce Chatwin. Doch Undank ist (oft) der Welten Lohn. Darüber, was die Australier und selbst die Aborigines von Bruce Chatwin halten (wenn sie überhaupt von ihm gehört haben), berichtete schon vor mehr als zehn Jahren DIE ZEIT (click!), und es wird sich daran nicht viel geändert haben, glaube ich.

Bruce Chatwin
Traumpfade
Süddeutsche Zeitung – Bibliothek 37
ISBN 3937793283 / 3-937793-28-3