Ich wunderte mich schon ein bisschen, als ich es kaufte, und kürzlich – beim Aufräumen eines Schrankes – wunderte ich mich abermals über das rote Notizbuch. Warum ein rotes? Ich kaufe immer schwarze Notizbücher, am liebsten ein Moleskine, wobei es sich übrigens um einen Spitznamen und nicht um eine Marke handelt, den Bruce Chatwin in seinem Roman „Traumpfade“ (1987) benutzte. Darin erzählt er die Geschichte eines Pariser Schreibwarenhändlers in der Rue de l’Ancienne Comédie, der ihn mit den Worten: „Le vrai Moleskine n’est plus“, davon in Kenntnis setzt, dass der letzte Hersteller dieser Notizbücher, ein kleines Familienunternehmen in Tours, die Produktion nach dem Tod des Besitzers eingestellt hat. Exakt nach Chatwins Beschreibung stellt nun Modo&Modo Spa in Mailand diese Notizbücher her, so kann man es jedenfalls bei Wikipedia nachlesen. Ich bin nicht sicher, ob die angeblichen Moleskines, vermarktet auch auf amerikanischen Webseiten und inzwischen in den verschiedensten Farben (auch gemustert) überall in Kaufhäusern und großen Buchhandelsketten erhältlich, nicht doch – wie mein Buchhändler behauptet – inzwischen in China hergestellt werden. Aber, ehrlich gesagt, auch das würde mich nicht davon abhalten, ein Moleskine zu kaufen, solange es meinen Vorstellungen vom Original entspricht, und dazu gehört: Es hat schwarz zu sein. Warum also ich irgendwann auf die Idee kam, mir ein rotes zu kaufen, … Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum Menschen in einem gegebenen Moment, plötzlich von ihren Gewohnheiten abweichen und, ohne besonderen Grund, etwas anderes haben oder tun wollen. Jedenfalls liegt das Notizbuch nun im Schrank und harrt seiner Verwendung. Besser gesagt, es harrte. Ich werde es vielleicht gar nicht benutzen. Es ist mir verleidet, weil ich Paul Austers „Stadt aus Glas“ gelesen habe.

„Stadt aus Glas“ (1985) ist der erste Roman der New York-Trilogie, die Paul Auster zu seinem literarischen Durchbruch verhalf. Auch Auster widmet eine Passage dieses Romans der sehr genauen Beschreibung eines Notizbuches, das der Protagonist sich zulegt. Mitte der Achtziger muss die Beschreibung von Notizbüchern so eine Art Mode gewesen sein. Es lässt sich ja auch nicht leugnen, dass ein Notizbuch für einen schreibenden Menschen ein unerlässlicher Begleiter ist. Junge, „mit der Zeit gehende“ Autoren, mögen das Notizbuch bereits durch Smartphone oder iPad ersetzt haben, aber ich gehe jede Wette ein, dass es noch genug Liebhaber des Notizbuches gibt, denn in den Regalen der oben erwähnten Händler nimmt das Angebot eher zu als ab. Aber zurück zu Paul Auster und „seinem“ Notizbuch. Es ist ein rotes, und Daniel Quinn (der Protagonist) erwirbt es mit Bedacht, da es einem ungewöhnlichen Zweck dienen soll.

Quinn, Mitte dreißig, war einmal ein vielversprechender Verfasser von Gedichten und Essays, beschäftigte sich auch mit anspruchsvollen Übersetzungen, doch seit dem Tod seiner Frau und seines dreijährigen Sohnes schreibt er nicht mehr wirklich. Pro Jahr verfasst er unter dem Pseudonym William Wilson einen Kriminalroman, dessen Held ein Privatdetektiv namens Max Work ist. Das geht ihm ohne große Anstrengungen von der Hand und verschafft ihm ein nicht üppiges aber regelmäßiges Einkommen. Da klingelt eines Nachts sein Telefon und eine mechanisch klingende Stimme verlangt den Privatdetektiv Paul Auster zu sprechen. Quinn weist den Anrufer mit dem Hinweis ab, er müsse sich in der Nummer geirrt haben, doch die nächtlichen Anrufe wiederholen sich, bis Quinn schließlich „zugibt“, Paul Auster zu sein. Zu seiner eigenen Überraschung begibt er sich am folgenden Tag zu der ihm genannten Adresse und erhält den Auftrag, Professor Stillman, dessen Entlassung aus einer psychiatrischen Klinik bevorsteht, von seinem Sohn Peter fernzuhalten. Peter befürchtet, dass sein Vater ihn ermorden will. Er hatte den Jungen nach dem Tod von dessen Mutter jahrelang in einem dunklen Zimmer gefangen gehalten, kein Wort mit ihm gesprochen und ihn geschlagen, wenn der Junge die Worte, die er als Dreijähriger gelernt hatte, benutzte. Stillman wollte der Ursprache des Menschen, den Worten, die Adam im Paradies für die Dinge erfand, auf die Spur kommen.

Quinn erhält als Vorausbezahlung einen Scheck über 500 Dollar, ausgestellt auf Paul Auster, den er folglich nicht einlösen kann. Doch um Geld geht es ihm sowieso nicht. Die Aufgabe, den jungen Mann zu beschützen, der als Kind so Unglaubliches erlitten hatte, erfüllt Quinns Leben mit einem neuen Sinn. Er kauft sich also ein rotes Notizbuch, erwartet den Professor an der Grand Central Station und folgt ihm von nun an täglich, von dem Moment, wenn der alte Mann das schäbige Hotel verlässt, bis er abends dorthin zurückkehrt. Scheinbar ziellos wandert Stillman durch die Straßen und sammelt weggeworfene Dinge auf. Auch er hat sich ein rotes Notizbuch gekauft (Quinn nimmt das als gutes Zeichen), in dem er jedes Fundstück vermerkt, so wie Quinn alle Bewegungen Stillmans in seinem eigenen roten Notizbuch verzeichnet. Tage vergehen, und nichts deutet darauf hin, dass Stillman auch nur den Versuch macht, sich seinem Sohn zu nähern. Jeden Abend erstattet Quinn seinen Auftraggebern Bericht. Schließlich hält er die Überwachung für sinnlos, wird aber gebeten, sie noch einige Tage fortzusetzen. Quinn lässt sich nur unter der Bedingung darauf ein, dass ihm erlaubt wird, mit Stillman Kontakt aufzunehmen.

Es kommt zu drei Unterredungen, bei denen Stillman sich jeweils nicht zu erinnern scheint, Quinn schon einmal begegnet zu sein. Beim ersten Mal, stellt Quinn sich mit seinem richtigen Namen vor, denn den „operativen“ Namen Paul Auster will er Stillman nicht nennen, beim zweiten Mal nennt er sich Henry Dark, wobei es sich um eine fiktive Gestalt aus einem von Professor Stillman verfassten Werk handelt. Bei der dritten Begegnung behauptet Quinn, Peter Stillman zu sein, und der Professor, der seinen Sohn als blond in Erinnerung hat, wundert sich zwar über das dunkle Haar seines Gegenübers, gibt sich aber schließlich erfreut darüber, dass sein Sohn alles so gut überstanden zu haben scheint. Am nächsten Morgen ist er verschwunden, und Quinn erfährt im Hotel, dass der alte Mann am späten Abend abgereist ist.

In seinem Schrecken darüber, seine Zielperson verloren zu haben, beschließt Quinn, den richtigen Privatdetektiv Paul Auster um Hilfe zu bitten. Er begibt sich zu der Adresse des einzigen Paul Auster, der im Telefonbuch steht. Dieser ist jedoch nicht Privatdetektiv, sondern Schriftsteller, schreibt gerade einen Essay über Don Quijote, hat eine hübsche Frau und einen zauberhaften Sohn – kurz: Er führt Quinn all das vor Augen, was dieser verloren hat. Als einzige Hilfe kann er Quinn anbieten, den auf seinen Namen ausgestellten Scheck einzulösen.

Quinn zögert mit dem Anruf bei seinen Auftraggebern, um ihnen mitzuteilen, dass er Professor Stillman aus den Augen verloren hat. Als er sich schließlich doch dazu aufrafft, ist das Telefon besetzt. Auch bei den zahllosen folgenden Anrufen bekommt er nur ein Besetztzeichen zu hören. Zunächst nimmt er das als Zeichen, dass er sich als von seinem Auftrag entbunden betrachten kann, dann interpretiert er es dahingehend, dass die Unmöglichkeit, seine Auftraggeber über das Ende der Überwachung zu informieren, genau das Gegenteil bedeutet. Er darf nicht aufgeben. Quinn hebt alles Geld von seinem Konto ab und bezieht Posten zwischen Mülltonnen gegenüber dem Eingang des Hauses seiner Auftraggeber. Er lernt, nur minutenweise zu schlafen, besorgt sich etwas zu essen zwischen drei und vier Uhr nachts in einem 24 Stunden geöffneten Supermarkt. Er magert ab und verwahrlost vollkommen. Als alles Geld ausgegeben ist, beschließt er, mit den letzten verbliebenen Münzen Paul Auster anzurufen und ihn zu bitten, ihm das für den Scheck erhaltene Geld auszuzahlen. Auster hat indessen immer wieder versucht, Quinn zu erreichen. Der Scheck ist geplatzt. Aber auch eine andere Nachricht ist nicht zu Quinns Kenntnis gelangt: Professor Stillman hat sich gleich nach seinem Verschwinden aus dem Hotel von einer Brücke gestürzt.

Als Quinn in seine Wohnung zurückkehren will, passt der Schlüssel zwar noch ins Schloss, aber die Wohnung ist anderweitig vermietet. Von Quinns Sachen ist nichts mehr da. Er begibt sich zur Wohnung seiner Auftraggeber, findet diese unverschlossen und ebenfalls ausgeräumt vor. In einer Kammer, in die kaum Licht dringt, verkriecht er sich, füllt die letzten Seiten seines Notizbuches, und dieses rote Notizbuch ist das Einzige, was Paul Auster, der lange nach Quinn gesucht hat, schließlich noch vorfindet.

Ganz am Anfang des Romans steht der Satz:

„Viel später, als er in der Lage war, darüber nachzudenken, was mit ihm geschah, sollte er zu dem Schluss kommen, nichts ist wirklich außer dem Zufall.“

Mit dem Phänomen Zufall beschäftigen sich Autoren immer wieder gerne – nicht zuletzt deswegen, weil dieses Phänomen dem Schriftsteller ein Werkzeug in die Hand gibt, mit dem er Wendungen herbeiführen kann, ein übertriebener Gebrauch dieses Werkzeugs eine Geschichte aber auch schnell unglaubwürdig erscheinen lässt. Die Tatsache, dass Zufälle das reale Leben öfter beeinflussen als ein Autor sich ihrer zu bedienen wagt, ändert daran überhaupt nichts. Paul Auster hat also ein Buch über das Schreiben und was es mit dem Schreibenden tut geschrieben – mehr jedenfalls als einen Roman über den unaufhaltsamen oder vom Zufall bestimmten Niedergang einer Existenz. Daniel Quinn ist eine Ebene des Paul Auster, so wie William Wilson eine Ebene des Daniel Quinn ist und Max Work eine Ebene des William Wilson. Sehr gekonnt spielt Auster mit diesen Ebenen, spielt auch mit den Klischees des Detektivromans, lässt New York, wie in solchen Romanen üblich, einfach durch die häufige Erwähnung nummerierter Straßen vor unserem geistigen Auge entstehen, beschwört Licht und Dunkelheit und lässt am Ende mich, die Leserin, mit leeren Händen zurück, wie nach der Lektüre der Lokalseite einer Tageszeitung. Ich habe nichts mitgenommen aus diesem Buch – außer der Abneigung gegen rote Notizbücher. Das ist nicht wirklich hilfreich, weil es ja keinen vernünftigen Grund gibt, etwas gegen rote Notizbücher zu haben.

Paul Auster
Stadt aus Glas
Süddeutsche Zeitung – Bibliothek 6
ISBN 3937793054 / 3-937793-05-4