Bewunderung ist -– im Gegensatz zum Neid -– auch eine Art von Liebe, und nicht die schlechteste. Was aber geschieht, wenn diese Bewunderung nicht auf Gegenliebe stößt, wenn der oder die Bewunderte nicht aufblüht unter dem Sonnenregen des Applauses, sondern verschlossen bleibt, Gefolgschaft nicht willkommen heißt, sondern bestenfalls duldet und ihr Grenzen setzt?

Günter Grass’‘ „“Katz und Maus““ spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Die Handlung setzt ein mit einem Jungenstreich, welcher der Novelle nicht nur ihren Titel gibt, sondern dessen Symbolik als Motiv immer wiederkehrt: Joachim Mahlke, der am Rande eines Sportfeldes in der Sonne döst, springt die Katze des Platzwarts an den im Halbschlaf ruckenden Adamsapfel. Der Ich-Erzähler Pilenz, der das Anschleichen der Katze beobachtet, der darüber sogar für einen Moment seine Zahnschmerzen vergisst, der sich später nicht mehr erinnern kann, ob die Katze von allein gesprungen ist, oder ob jemand –- vielleicht sogar er selbst –- sie Mahlke an den Hals geworfen hat, wird noch Jahre später von der Frage gequält, ob er für Mahlkes Schicksal maßgeblich verantwortlich ist. Feststeht, dass der Sprung der Katze und Mahlkes Schrei den Knorpel von nun an unübersehbar machen, und kein Versuch Mahlkes, ihn zu verdecken oder selbstbewusst zu betonen, seinen Klassenkameraden verborgen bleibt. Dabei ist Mahlke bei seinen Mitschülern wohlgelitten, ein guter Schüler, der andere abschreiben lässt. Kein Streber. Einer der sich an groben Scherzen nicht beteiligt aber auch niemanden verpetzt. Seit dem Tod des Vaters lebt er mit seiner Mutter und einer Tante, die ihm schon früh die Rolle des Mannes im Haus überlassen. Mahlke ist ein Einzelgänger. Als Kind galt er als kränklich, wurde ein Jahr später eingeschult als die anderen, war vom Sportunterricht und Schwimmen befreit, schien mit der Rolle eines Außenseiters, der regelmäßig zur Frühmesse ging und ein Marien-Amulett am Hals trug, aber gut zurechtzukommen -– bis eben zu jenem Zwischenfall mit der Katze.

Danach dringt Mahlke darauf, dass seine Klassenkameraden ihn, obwohl er weniger gut schwimmen kann als sie, mit hinausnehmen zu einem neben der Fahrrinne halb versunkenen polnischen Minensuchboot. Von dessen rostigem und mit Möwenschiss überkrustetem Deck macht Mahlke immer längere und waghalsigere Tauchgänge ins Innere des Schiffs, fördert Trophäen zutage, rettet einem Kameraden, der es ihm mutig nachtun wollte, das Leben und erfährt von seinen Mitschülern die Anerkennung, die ihm wichtiger ist als die Bewunderung der beiden Frauen zu Hause. An Freundschaft aber scheint Mahlke nichts gelegen zu sein. In einer seltsamen Mischung aus Widerwillen und Eifersucht beobachtet Pilenz, der (wohl hauptsächlich deswegen) als Messdiener hilft, wenn Mahlke mit übertriebener Hingabe zur Heiligen Jungfrau betet.

Bald tauchen in der Schule ehemalige Gymnasiasten auf, die -– inzwischen zu Ritterkreuzträgern geworden –- Vorträge in der Aula halten. Mahlke empfindet Geringschätzung für die „Überbetonung des Soldatischen“, doch die Bewunderung, die diesen Helden von Schülern und ehemaligen Lehrern zuteilwird, bleibt auf ihn nicht ohne Wirkung. Als einem der Vortragenden der Wunsch gewährt wird, am Sportunterricht teilzunehmen, nimmt Mahlke es nicht nur am Reck mit ihm auf, vollbringt nicht nur Höchstleistungen, wenn auch mit unschönen Verrenkungen, sondern entwendet im Umkleideraum das Eiserne Kreuz, wird des Diebstahls aber nicht überführt, ja, nicht einmal verdächtigt. Nur die Schulkameraden, die mit Mahlke regelmäßig zu dem Schiffswrack schwimmen, seinen Mut aber auch sein Faible für alles, was er sich über seinen Adamsapfel binden kann, kennen, wissen: Das kann nur der Große Mahlke gewesen sein. Und dieser Große Mahlke gibt das Diebesgut selbst beim Schulleiter ab und wird ob dieser Ungeheuerlichkeit von der Schule verwiesen.

Nicht lange danach wird Mahlke eingezogen und bringt es erstaunlich schnell zu den Panzergrenadieren. Als Pilenz Mahlkes Mutter und Tante einen Besuch abstattet, werden ihm Briefe gezeigt, unter die Mahlke Panzer gekritzelt und durchgestrichen hat. Auch dies ist keine Angabe. Als Mahlke Heimaturlaub bekommt, ist er selbst mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Ganz selbstverständlich erwartet er, nun ebenfalls einen Vortrag in der Aula seines alten Gymnasiums halten zu können. Der einstige Diebstahl aber ist nicht verziehen. Mahlke wird abgewiesen. Pilenz, der sich als Mahlkes einziger Freund bezeichnet, ist sich keineswegs sicher, ob es Mahlke darum zu tun war, sich als Held zu präsentieren, oder ob er vorhatte, seinem Publikum die Wahrheit über den Krieg und die Unsinnigkeit der Heldenverehrung vor Augen zu führen. Feststeht: Mahlke „wollte es ihnen zeigen“. Erbittert über den Fehlschlag, desertiert Joachim Mahlke und bittet Pilenz um Unterschlupf, doch der erklärt sich lediglich bereit, ihn zu dem Wrack des Minensuchbootes hinaus zu rudern, besorgt auch Fleischkonserven und einen Dosenöffner, lässt es aber geschehen, das Mahlke ohne Dosenöffner ins kalte Wasser der Ostsee taucht, wirft den Dosenöffner sogar ins Meer, statt ihn an Deck liegenzulassen und kehrt auch nicht, wie versprochen, abends mit dem Ruderboot zurück, um seinen Freund zu einem in der Nähe liegenden neutralen schwedischen Dampfer zu bringen. Erst am nächsten Tag überzeugt er sich mittels eines Feldstechers, dass Mahlkes Knobelbecher noch im Ruderhaus stehen. Von Mahlke selbst keine Spur. Und Pilenz -– längst selbst zur Maus geworden – wird nicht aufhören, immer wieder einmal nach ihm zu fragen.

„„Katz und Maus““ (1961) ist das zweite Werk in Günter Grass‘ Danziger Trilogie, zu der auch „„Die Blechtrommel““ (1959) und „“Hundejahre““ (1963) gehören, und in der Grass sich, wie viele andere Schriftsteller zu jener Zeit, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzt. Das Lesen ist aber durchaus nicht nur unter historischen oder literaturgeschichtlichen Aspekten lohnend. Die Art und Weise, in der Günter Grass hier ewige Konflikte menschlichen Daseins behandelt, verleiht dieser Novelle zeitlose Gültigkeit und macht sie zu einem der nachdenkenswertesten Stücke deutscher Literatur des 20. Jahrhunderts.

Günter Grass
Katz und Maus
dtv Reihe Hansa
ISBN 978-3-423-62276-9

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