Johann August Eberhards Synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache (1910) definiert „Redlich“ so:

Redlich (von Rede, d. i. eig. einer, der über alles, was er tut, mit gutem Gewissen Rede stehen, von allem Rechenschaft ablegen kann) bezeichnet einen, der seine Pflicht unter allen Umständen treu erfüllt. Namentlich gebraucht man es dann, wo es sich wirklich um eine Rechnungsablage handelt, z. B. ein Haushalter, Kassierer, Dienstbote usw. ist redlich, wenn er nichts von dem anvertrauten Gute zu seinem Nutzen verwendet; dann aber wird das Wort auch auf andere Pflichtverhältnisse übertragen, z. B. der Schriftsteller, der Künstler, der Staatsmann usw. haben sich redlich bemüht, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. “ …. So wie wir | drei Männer jetzo unter uns die Hände | zusammenflechten, redlich, ohne Falsch“ usw. Schiller, Tell I, 4. „Alles, was die Kunst aus den großen, hervorragenden, stieren, starren Medusenaugen der Gräfin Gutes machen kann, das haben Sie, Conti, redlich (als Maler) daraus gemacht. — Redlich, sag ich? — Nicht so redlich wäre redlicher. Lessing, Emilia Galotti I, 4. Redlich hieß früher auch so viel als rechtlich, wozu man ein Recht hat, es sei, daß es an sich gerecht ist, oder in einer gerechten Unwissenheit gegründet ist, was also bona fide geschieht. In dieser letzteren, bisher veralteten Bedeutung ist das Wort redlich durch das allgemeine preußische Landrecht wieder in die juristische Sprache eingeführt worden. Ein bonos fidei possessor heißt in diesem, auch wegen seiner Sprache klassischen Werke, ein redlicher Besitzer, und boncœ fidei possessio ein redlicher Besitz. So spricht man auch von einem redlichen (d. i. gesetzmäßigen, legitimen) Nachkommen usw. — Auch das Wort gerade steht in Sinnverwandtschaft mit aufrichtig und redlich. Da gerade den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten bezeichnet (Gegens. krumm), so gebraucht man es auch von dem, der keinerlei Schleichwege geht und keine Winkelzüge macht. Wer etwas ohne Umschweife sagt, der sagt es gerade heraus. Ebenso handelt ein Mensch gerade und ist gerade, wenn er alles Falsche und Hinterlistige meidet. Ein Betrüger und Lügner kann den Menschen nicht gerade ins Gesicht sehen; er blickt scheu zur Seite oder nach allen Richtungen. Mit dem Worte gerade bezeichnet man daher den biederen, ehrenhaften, wahrheitsliebenden Sinn. „Dein Weg ist krumm, er ist der meine nicht. O wärst du wahr gewesen und gerade! Nie kam es dahin, alles stünde anders. Er hätte nicht das Schreckliche getan.“ Schiller, Wallensteins Tod II, 7.

Bei Wikipedia findet sich dies:

Diese Aufforderung, stets ehrlich zu bleiben, bildet die Anfangszeile des Gedichts Der alte Landmann an seinen Sohn von Ludwig Heinrich Christoph Hölty:

„Üb‘ immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab.“

Bekannt wurden diese Zeilen wohl auch durch die Melodie aus Mozarts Lied des Papageno Ein Mädchen oder Weibchen aus der Oper Die Zauberflöte.

Das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche spielte ab 1797, dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III., zur vollen Stunde Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren und zur halben Stunde Üb‘ immer Treu und Redlichkeit, ein Sinnbild preußischer Moraltugend. Das Glockenspiel stürzte in der Bombennacht vom 14. auf den 15. April 1945 herab, nachdem es zuvor ohne menschliches Zutun ununterbrochen Üb‘ immer Treu‘ und Redlichkeit gespielt hatte. 1991 wurde nahe dem Standort eine Nachbildung des Glockenspiels aufgestellt, die die beiden Lieder wieder spielt.

Nachbemerkung:

Es mag dem Leser ja ähnlich ergehen wie mir, nämlich dass er der „Redlichkeit“, wann auch immer von ihr die Rede ist, ein gesundes Misstrauen entgegenbringt. Zugegeben, phonetisch gehört sie auch nicht zu den Glanzstücken unserer Sprache, doch gegen das, was „Redlichkeit“ besagt, gibt es nichts einzuwenden. Schön wäre das, es stets mit redlichen Menschen zu tun zu haben! Aber damit rechnet niemand ernstlich, und so wird die „Redlichkeit“ im Sprachgebrauch auch nicht schmerzlich vermisst. Was mich nun doch veranlasste, ihr hier einen Lexikon-Eintrag zu widmen, war ein Satz bei F. Scott Fitzgerald. Er steht fast am Ende des dritten Kapitels von „Der große Gatsby“ und lautet: „Unredlichkeit bei einer Frau, wer wollte ihr daraus ernstlich einen Vorwurf machen.“
Was soll das denn heißen? Dass Redlichkeit eine männliche Tugend ist, und Frauen sind nur schwatzhaft?

Wenn man einen Roman liest bei dem der Autor sich eines Ich-Erzählers bedient, kann man nicht davon ausgehen, dass jede Meinungsäußerung dieses Ichs sich mit der Meinung des Autors deckt. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass eben dieser Satz ganz der männlichen Nachsicht entsprang, die der Autor durchaus teilte. Ich fühlte mich durch diese Nachsichtigkeit geradezu persönlich beleidigt. Dennoch hätte ich die Sache sicher gleich wieder vergessen, hätte ich nicht am nächsten Tag einen Termin beim Orthopäden gehabt. Ich war zum ersten Mal in dieser Praxis, und der rüffelige, dabei aber nicht abweisende Ton des Arztes gefiel mir, auch die energische Art, mit der er von Behandlungsraum zu Behandlungsraum stürmte, und dabei Patienten, denen er im Korridor begegnete, weil sie im Aufbruch waren, schnell noch einen Rat oder eine Ermahnung erteilte. Offenbar gehört er nicht zu den Ärzten, die den Menschen, der ihnen gerade gegenübergesessen hat, in der nächsten Sekunde schon wieder vergessen haben. Auch als ich ging, stürmte er an mir vorbei. „Und machen Sie einem Termin beim Gyn!“ Ich versprach, ich würde brav sein und seinen Rat befolgen. Da drehte er sich noch einmal um. „Nein, Sie sollen nicht brav sein. Sie wissen doch, brave Mädchen kommen in den Himmel, die anderen… Sie sollen aber trotzdem zum Gyn gehen.“

Es ist die verdammte Wahrheit. Männer denken wirklich so. Besonders die Männer, die mir gefallen, denken so. Und was mache ich? Ich bemühe mich redlich.
Das ist doch ein Witz!

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