So kann man das natürlich auch machen, wie Sven Regener das gemacht hat. Man schreibt erst mal einen Roman, in dem eigentlich fast nichts passiert, außer dass „Herr Lehmann“, Barmann in einer Kreuzberger Kneipe, seinem dreißigsten Geburtstag entgegenhadert, verlegt die Handlung aber ins Wendejahr 1989 und damit in die assoziative Nähe zu dem denkwürdigen Gorbatschow-Zitat „Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“ Und nachdem man damit Erfolg hatte, schreibt man die Vorgeschichte des ersten Romans („Neue Vahr Süd“), in der eigentlich auch fast nichts passiert, außer dass Frank Lehmann es versäumt, den Dienst an der Waffe zu verweigern, und deshalb zum Bund einrücken muss, verlegt sie aber nach bewährtem Rezept abermals zeitlich nah an ein medienwirksames Ereignis in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Diesmal sind es die Krawalle zum ersten öffentlichen Feierlichen Gelöbnis im Bremer Weserstadion. Und nachdem auch das ein Erfolg war (gemeint ist der Roman, ob auch das Gelöbnis ein Erfolg war, vermag ich nicht zu beurteilen), quetscht man zwischen den ersten Roman und seine Vorgeschichte noch einen Roman („Der kleine Bruder“), in dem erzählt wird, wie aus dem kleinen Bruder der große Herr Lehmann wurde, nachdem Frank mit dem Punk Wolli im Schlepptau in seinem alten Opel Kadett zu seinem großen Bruder Manni nach Berlin gefahren ist, wo Manni nicht nur Freddy genannt wird, sondern auch niemand weiß, wo Freddy sich überhaupt aufhält.

Als Leserin bin ich mit dieser Trilogie etwas konsequenter umgegangen, habe mich chronologisch rückwärts durch Lehmanns Leben gelesen, wobei es allerdings mit meiner Konsequenz so weit her war, wie mit der von Frank Lehmann: Sie hat sich eher ergeben, als dass sie von mir angestrebt wurde. „Herr Lehmann“ hatte ich mir gekauft, weil der Kollege Koskator mich darauf neugierig gemacht hatte durch bildliche Dokumentation eines Katzenschadens. Als ich Tochter #1 davon erzählte, sagte sie, sie lese zufällig gerade „Der kleine Bruder“. Sie musste mir erst einmal erklären, was „Der kleine Bruder“ mit „Herr Lehmann“ zu tun hat, und natürlich hat sie mir den Roman geliehen, nachdem sie ihn ausgelesen hatte, und ich revanchierte mich entsprechend. Außerdem machte ich mich endlich über Sven Regener schlau und bestellte mir daraufhin „Neue Vahr Süd“. Und nun bin ich endlich durch, und bevor ich anfange, Sven Regener zu loben, möchte ich trotzdem anmerken, dass ich nicht unbedingt empfehle, alle drei Romane hintereinander weg zu lesen. Das ist ein bisschen wie Königsberger Klopse mögen und sie dann zwei Wochen lang jeden Tag essen. Das muss wirklich nicht sein. Und wenn ich gerade ein bisschen wie Sven Regener schreibe, dann kommt das eben davon.

Wenn ich oben behauptete, dass in Sven Regeners Lehmann-Romanen eigentlich nichts passiert, so wollte ich damit durchaus nicht sagen, dass die Lektüre langweilig sei. Sie ist, im Gegenteil, sehr lebendig und dankt dies der genauen, kritischen aber auch liebevollen Beobachtung ganz alltäglicher Menschen. Und da nicht jeder Leser sich an das Kreuzberger Kneipen-Milieu der Achtzigerjahre erinnert, und wohl nur eine kleine Minderheit weiblicher Leser Erfahrungen als Rekrutinnen bei der Bundeswehr gesammelt haben dürften, sind die Romanfiguren vielleicht auch gar nicht so alltäglich – oder sind es nur insofern, als wir alle ihnen zwar dauernd und überall begegnen, ohne jedoch viel von ihnen zu wissen. Vielleicht wollen wir das alles auch gar nicht wissen, und dann kommt ein Sven Regener und schleppt uns in Kneipen und auf Kasernenhöfe und in WGs, und seine Protagonisten labern rum wie die Leute, bei denen wir immer weghören, aber jetzt müssen wir zuhören und können uns nur darüber wundern, wie uns aus all diesem (oft reichlich alkoholisierten) Gelaber Menschen entgegentreten, die wir sogar richtig mögen – wenn auch manche nur vorübergehend und einige dann eben doch nicht. Da ist – und das verdient wirklich Beachtung – in keinem der drei Romane eine Passage, wo der Leser denkt: Das gibt’s nicht. Regener weiß genau, wovon er schreibt, und der Leser weiß das dann auch.

Muss man das gelesen haben, gehört das sozusagen zum Kanon? Nein, würde ich sagen. Man muss nicht, aber man sollte vielleicht – nicht nur, weil sich die Lehmann-Romane erfrischend vom meisten unterscheiden, was heute an Romanen erscheint, sondern weil Sven Regener durchaus etwas gelingt, wodurch große Literatur sich auszeichnet. In Frank Lehmann begegnet uns weniger ein Individuum, als der Mensch schlechthin, der unspektakuläre Held, den wir alle zu kennen glauben und vielleicht gar nicht besser kennenlernen wollen, weil ein kleiner Lehmann in vielen von uns steckt und versteckt wird – irgendwann mal zu spät gekommen, dafür vom Leben bestraft und nun sich weiter abstrampelnd oder einfach darauf wartend, dass sich irgendwas ergibt.

Hier noch einmal im Überblick die Lehmann-Trilogie von Sven Regener in der Reihenfolge des Erscheinens:

   

Sven Regener

Herr Lehmann
Goldmann, 2003
ISBN 3442453305

Neue Vahr Süd
Goldmann, 2006
ISBN 3442459915 / 9783442459919

Der kleine Bruder
Goldmann, 2010
ISBN 3442470315 / 9783442470310