Heute Morgen, in der Bahn, habe ich mich verlesen. Das heißt, ich habe mich nicht wirklich verlesen. Ich habe das Wort in Gedanken nur falsch ausgesprochen (ausgedacht?). „Der Bilderrahmen – so sagte er etwa – sei, betrachte man ihn in seinem übertragenen Sinne, eine der verbindenden Seinseinheiten unserer wesensbewußten Welt, als gewissermaßen positives Äquivalent zu der latenten, aber drohenden Schicksalsverlorenheit einer Zeit, die des Gefühls für transzendente Werte verlustig gegangen sei.“ So lautete der Satz in einer von Wolfgang Hildesheimers „Lieblosen Legenden“. In Gedanken trennte ich die ersten beiden Silben von Seinseinheiten zwischen dem n und dem s, stolperte beim Lesen, wie nicht anders zu erwarten, und es mag an der vom Autor durchaus beabsichtigten Verquastheit des ganzen Satzes gelegen haben, dass ich mich nicht im nächsten Moment korrigierte und einfach weiterlas. Ich blieb an den Seinseinheiten hängen, und zwischen den Bahnhöfen Südkreuz und Yorckstraße war ich in die Sein-sein-heit bereits derartig vernarrt, dass ich dachte: Dies wäre genau der Name, in den ich mich umbenennen ließe. Ich mochte meinen Vornamen noch nie, und gegen Gebühr kann man seinen Vornamen ändern lassen. Das wäre ja auch noch schöner, wenn man das nicht könnte, denn beim Eintrag ins Geburtenregister hatte man ja keine Möglichkeit des Widerspruchs. Ich würde also den Namen Seinseinheit annehmen und es dem jeweils mich Ansprechenden überlassen, ob er mich Seins-Einheit oder Sein-Seinheit nennt, denn ich bin beides – das ist mal klar. Nun ja, am liebsten wäre es mir, wenn nur der Inniggeliebte mich Seins-Einheit nennte, während alle anderen Sein-Seinheit sagten und dabei – in den meisten Fällen ganz unwissentlich – jedes Mal doch auch eine tiefe Wahrheit aussprächen. Und selbst bei schlampiger Betonung (starke Betonung auf der ersten und schwache auf der dritten Silbe, während gerade die mittlere völlig abfällt – wie bei Adelheid), klänge das zumindest freundlich, sogar ein wenig verspielt, und auch das bin ich.

Um nun aber keine Unruhe heraufzubeschwören: Ich werde mich nicht umbenennen lassen. Eingedenk meiner chronischen Namensfindungsschwierigkeiten, die mich zuweilen schon in peinliche Situationen gebracht haben, und meines einzigen Trostes -– dass nämlich (!) gar nicht so wenige meiner Mitmenschen zumindest hin und wieder dasselbe Problem haben, werde ich es niemanden zumuten, sich nun auch noch meinen neuen Namen merken zu müssen. Und doch, und doch… …

Sein-sein-heit hat was.

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Die Gelegenheit ist zu günstig, um sie nicht beim Schopfe zu packen. Also weise ich hier auf das Buch hin, das ich gerade lese.

Unter dem Titel „Lieblose Legenden“ erschien Wolfgang Hildesheimers Sammlung ironischer Kurzgeschichten erstmals 1952 in der Deutschen Verlagsanstalt mit Illustrationen von Paul Flora, nachdem sie seit März 1950 zuvor in deutschen Zeitungen veröffentlich worden waren. In den folgenden Jahren erschienen 21 weitere Geschichten – überwiegend in der Neuen Zürcher Zeitung. 1962 brachte Suhrkamp eine neue Zusammenstellung mit teils überarbeiteten, teil neuen Texten und einigen Weglassungen heraus. Dies ist die Ausgabe, die ich mir antiquarisch besorgt habe. Zu spät habe ich gesehen, dass erst der 1983 bei Suhrkamp publizierte Zyklus alle „Lieblosen Legenden“ enthält.

Die Sammlung gehört nicht nur zum Kanon deutscher Nachkriegsliteratur, sie ist auch ein immenses Lesevergnügen und ein Muss für jeden wahren Liebhaber der Satire.

Wolfgang Hildesheimer
Lieblose Legenden
Bibliothek Suhrkamp 84
Gebunden, 171 Seiten
ISBN: 978-3-518-01084-6