Über einen Roman, der es innerhalb von zwei Jahren zu einem eigenen Wikipedia-Artikel mit recht ausführlicher Inhaltsangabe gebracht hat, muss man nicht mehr sehr viel schreiben, zumal dann nicht, wenn man im Großen und Ganzen mit den zahlreich erschienenen Rezensionen übereinstimmt. Wie Gustav Seibt finde ich das Buch „liebevoll geschrieben“ und kann zu der Äußerung, Herrndorf verwandle „das vermeintlich bestens bekannte und erschlossene Mitteleuropa südlich von Berlin in ein zauberisches Irgendwo“, nur lebhaft nicken. Doch ebenso wie ElaBorat bin ich der Meinung, dass die Protagonisten doch auffällig clean wirken. Wem möchte Herrndorf hier den Glauben an die Unschuld der Jugend und den guten Kern, der in jedem steckt, zurückschenken? Den Erwachsenen? Den Jugendlichen selbst?

Da machen sich zwei vierzehnjährige Jungen mit einer geklauten Schrottkarre auf den Weg in die Walachei. Maik stammt aus einer sogenannten bürgerlichen Familie, auch wenn die Mutter Alkoholikerin ist und der Vater, durch Bodenspekulation ruiniert, einen Aufenthalt seiner Frau in der Entziehungsklinik ausnutzt, um mit seiner jugendlichen Assistentin auf „Geschäftsreise“ zu gehen. Tschick, der eigentlich Andrej Tschischaroff heißt, ist Russlanddeutscher, hat es von der Sonderschule aufs Gymnasium geschafft, weiß aber auch, wie man Autos kurzschließt und irgendwie damit durch die Gegend fährt. Das gemeinsame Abenteuer einschließlich zweier haarsträubendere Unfälle überstehen die Jungen mit vergleichsweise harmlosen Blessuren. Doch damit des Wunders nicht genug.

Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Spiegel-TV guckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte es ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war, …

… ist das Fazit, das Maik am Ende zieht. Und vielleicht braucht das die Welt ja auch – nicht nur das eine Prozent, sondern auch den Glauben daran, genau diesen Menschen zu begegnen.

„Am erstaunlichsten ist, wie Wolfgang Herrndorf seinen Helden aufs Maul zu schauen vermag, wie er ihre Sprache spricht: eben die von zwei pubertierenden Jugendlichen, […] ohne dass es je aufdringlich oder peinlich wird. Da stimmen die Dialoge, da ist Maik der überzeugend junge Erzähler, dem der Autor mit seinem Wissen- und Erfahrungsvorsprung nie in die Quere kommt“,

… schrieb Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Zumindest an diesem Punkt hätte ich mit meiner Kritik gerne angesetzt, denn liegt es nicht in der Verantwortung auch von Autoren, die sprachliche Entwicklung von Jugendlichen günstig zu beeinflussen? Dann aber entdeckte ich im Blog „Lehrerzimmer“ eine Buchbesprechung, in welcher der Autor (ein Lehrer natürlich) sich freut, weil er gerade dieses Buch als Klassenlektüre für überaus geeignet hält, denn „Jugendsprache“ macht man in der 9. Klasse sowieso. Aha. Na dann …

Was soll ich noch sagen, außer dass, wenn ich diesen Roman mit vierzehn gelesen hätte, ich mir sehnlich einen Kumpel wie Tschick gewünscht hätte, einen mit dem man Pferde oder einen schrottreifen Lada stehlen und in die Walachei fahren kann. Nur habe ich mit vierzehn überhaupt keine Jugendbücher gelesen. Aber das ist ein anderes Thema.

Cover:

Wolfgang Herrndorf
Tschick
Rowohlt Taschenbuch Verlag, März 2012
254 Seiten
ISBN 978-3-499-25635-6