Wenn man sich beim Lesen so richtig verstanden fühlt, wenn man also denkt: Donnerwetternochmal, dieser Autor (oder zumindest seine Romanfigur) tickt ja genau wie ich… das hat schon was, obwohl es natürlich eher umgekehrt ist, nämlich dass man selbst den Autor (bzw. seine Romanfigur) versteht. Aber beim Ticken läuft das ja aufs Gleiche hinaus. Und dann legt man mit einem zufriedenen Seufzer das Buch beiseite, löscht die Nachttischlampe und könnte jetzt ganz entspannt einschlafen, … wäre da nicht plötzlich dieser Gedanke, der mit der Durchschlagkraft einer Erkenntnis daherkommt: ICH BIN KEINE NORMALE FRAU.

Immer sind es Männer, von denen ich mich so absolut verstanden fühle. Das fing mit Hermann Hesse an und hat seither nicht aufgehört. Ich möchte wetten, in meinen Bücherregalen stehen 80 Prozent Männer. Das schätze ich jetzt nur und bin drauf und dran, das Licht noch mal anzuknipsen und mit einer statistischen Erhebung zu beginnen, verschiebe es aber auf irgendwann demnächst. Für jetzt genügt es zu wissen, dass ich alles, was unter Frauenliteratur läuft, eher nicht lese. Diese Verschwesterung nervt mich. Ich verbrüdere mich lieber. Bin ich kopf-transsexuell? Quatsch! Nein, ich ticke (wieder dieses Wort!) im Allgemeinen schon wie Frauen ticken (jetzt bleibe ich dabei). Das merke ich, wenn ich dann doch mal Frauenbücher lese. Ich kenne diese weiblichen Gefühlsgemengelagen nur allzu gut. Es genügt mir, mich hin und wieder mit meinen Töchtern oder Freundinnen darüber auszutauschen. Ich muss das nicht auch noch lesen. Allerdings kann man auch auf Männer hereinfallen. Diese Frauenversteher unter den Autoren! Und davon scheint es immer mehr zu geben.

Und dann fange ich an über das männliche und das weibliche Schreibprinzip nachzudenken, über Objektivität und Subjektivität und die Frage, ob es so etwas wie objektive Subjektivität oder subjektive Objektivität geben kann.

Mit solchen Fragen im Kopf kann man unmöglich einschlafen?

Erstaunlicherweise kann man. Ich jedenfalls kann. Und dann träume ich und kann mich, was bei mir ungewöhnlich ist, am Morgen noch daran erinnern. Unter anderem träume ich, dass der Inniggeliebte sich mit einer Frau in einem knallroten Kleid (…ich ahne, wer das ist!) auf einem knallblauen Teppich räkelt. Seltsamerweise hat der Inniggeliebte mit sich selbst wenig Ähnlichkeit, aber ich bin trotzdem sicher, dass er es ist. Was die Sache aber noch viel schlimmer macht: Ich schaue diesem Treiben zu, ohne vor Eifersucht zu explodieren. Aber das kommt bestimmt nur von diesem Subjekt-Objekt-Denk-mal(!), das wie ein umgestürzter Obelisk (Phallussymbol!) quer in meinem Kopf steckt und mich lähmt.

Das kann doch nicht wahr sein, dass ich am Morgen meines 64. Geburtstags bei schwarzem Kaffee in der Küche sitze, auf einer Calcium-Tablette herumkaue, weil ich mir vorgenommen habe, keine Milch mehr zu trinken, und versuche, mir einen Granitsplitter aus dem Hirn zu ziehen. Aua!

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