Wie schon im zuletzt besprochenen Buch, geht es auch in Ruth Johanna Benraths Roman „“Rosa Gott, wir loben dich““ um das Innenleben eines Teenagers, diesmal allerdings um ein Mädchen, und die Geschichte spannt einen weiteren Bogen, beginnt in der Kindheit mit einer Operation und endet …… Aber eins nach dem anderen.

Der Titel lässt ahnen, in welchem Milieu der Roman angesiedelt ist. Marie wächst in den siebziger, achtziger Jahren in einem sehr christlichen Elternhaus auf und besucht eine Nonnenschule. Als kleine Marie verstand sie ein Kirchenlied falsch. Der Verhörer „rosa Gott“ bewirkt aber bestenfalls ein flüchtiges inneres Lächeln, ebenso wie alles andere. Zu durchschaubar sind die Motive der Erwachsenen, die wirken, als wären sie dem „Struwwelpeter“ entstiegen, zu vorhersehbar das Verhalten des Kindes, das zuweilen in geradezu peinlicher Weise und nur selten herzerwärmend an die eigene Kindheit erinnert, besonders weil Ruth Benrath sich hier oft einer Sprache bedient, wie man sie in kindlichen Tagebüchern erwartet, einer Sprachlosigkeit, die einer Autorin nicht würdig ist. Das wird durch die eingestreuten Bibel- und Klassikerzitate nicht aufgewertet. Eine Jugendfreizeit wird geschildert, in der die Betreuer sich wie Sektierer geben, die die Kinder mit wirren Glaubensvorstellungen indoktrinieren. Auf der anderen Seite scheinen die Schwestern an der Nonnenschule ein erstaunliches Einfühlungsvermögen in die Gefühlswelt junger Mädchen zu besitzen. Was will Ruth Benrath uns damit zeigen? Dass es sone und solche Christenmenschen gibt? Das wussten wir schon, oder?

Obwohl oder gerade weil sie so gut behütet wird, entwickelt Marie früh ein Interesse an Sexualität. Die Freundschaft zu ihrer Klassenkameradin Lisa ist von Anfang an erotisch gefärbt und kann sich als Freundschaft nicht entfalten, weil schnell die Eifersucht hinzukommt, als Lisa sich auch mit Verena anfreundet. In der Theater-AG der Schule wird Schillers „Kabale und Liebe“ einstudiert. Für die männlichen Rollen dürfen Schüler der Knabenschule teilnehmen, etwas älter als die Mädchen. Nun verliebt Marie sich in Ravi, der sie „mit Glutaugen anschaut“. Doch gerade zu dieser Zeit fängt Maries Mutter an, sich höchst merkwürdig zu benehmen und wird in eine Klinik eingewiesen. Marie und ihre Brüder müssen sich die Haushaltspflichten teilen, und für Verabredungen mit Ravi muss Marie Ausreden ersinnen. Ausgerechnet als sie mit ihrem Freund ins Kino geht, um die „Rocky Horror Picture Show“ zu sehen, kommt der Vater ihr auf die Schliche und verbietet weitere Treffen. Die Parallelen zu „Kabale und Liebe“ sind arg offensichtlich. Da hilft es auch nicht, dass die fromme Schwester die Teenager immer wieder mahnt, ihren Text nicht mit dem Leben zu verwechseln.

Nur in Andeutungen wird in der Geschichte eine andere Geschichte erzählt, die von Maries Mutter. Man muss es sich schon herauslesen, dass sie selbst als Kind den Selbstmord ihrer Mutter mit ansehen musste, die sich auf der Flucht der Familie aus der DDR vor eine einfahrende S-Bahn warf. Hier und nur hier bekommt der Roman eine geschichtliche Dimension, wird alles in einen größeren Zusammenhang gestellt. Und nachdem Marie sich in einem fast spielerischen Akt mit einer Rasierklinge ihres Vaters die Pulsadern aufgeschnitten hat und beim Erwachen im Krankenhaus das Gesicht ihrer Mutter sieht, da müsste das Bild genau auf diesem Gesicht stehenbleiben. Was danach kommt – dass es dann aus ist mit Ravi, weil ja eigentlich gar nichts war, dass Marie anfängt Gedichte zu schreiben, …… Rosa Gott! So sind sie halt, die kleinen Mädchen.

Cover

Ruth Johanna Benrath
Rosa Gott, wir loben dich
Steidl-Verlag, 2009
176 Seiten
ISBN 978-3-86521-879-7

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