Zeit fürs Abendessen. Den Widerstand spürend, eise ich mich vom Computer los, an dem ich eine ganze Weile geklebt habe, wie von einem Magneten festgehalten, und gehe in die Küche. Im Küchenradio läuft eine Literatursendung. Ein Autor wird aus seinem noch nicht veröffentlichten Roman lesen. Ich nehme einen Beutel vorgekochten Reis aus dem Schrank, fülle den Inhalt in eine Keramikschüssel und stelle sie in die Mikrowelle. Zwei Minuten. Indessen begrüßt sich im Radio ein Paar auf einem Bahnsteig. Man kennt das: das Fremdeln zwischen einander sehr vertrauten Menschen, wenn sie sich wochenlang nicht gesehen haben. Verlegene Bemerkungen über zu viel Gepäck. Ich krame eine Dose Thunfisch aus dem Schrank und stelle das Currypulver bereit. Die Mikrowelle brummt. Das Ehepaar sitzt jetzt im Auto. Es ist warm. Er zieht sein Jackett aus. Mir ist auch zu warm. Ich schlüpfe aus der Schlamperhose, werfe sie im Wohnzimmer über eine Sessellehne – vielleicht wird mir ja später wieder kühl –, renne jetzt nur noch im T-Shirt rum.

Aus der Küche ertönt das „Pling“ der Mikrowelle. Die Unterhaltung des Ehepaares ist noch immer nicht so recht in Gang gekommen. Der Mann stellt fest, dass ihr das Kleid gut steht. Er sieht es wohl zum ersten Mal an ihr, sagt aber nichts dazu, sondern fragt, ob er die Klimaanlage einschalten soll. Ich biege den Ring des Thunfischdosendeckels mit einer Gabel hoch, schiebe den Zeigefinger hindurch und spreche das übliche Stoßgebet, dass ich mir dabei nicht irgendwann den Finger halb amputiere. Vor der Windschutzscheibe tauchen irgendwelche Schilder auf und gleiten vorbei. Ich streue Currypulver auf den Reis, dann leere ich den Inhalt der Dose in die Schüssel. Während ich mit der Gabel umrühre, erzählt der Mann von einer Feier – betont beiläufig. „Und? Hat sie was gesagt?“ fragt die Frau. Die Frage klingt bedeutungsschwanger, bleibt mir im Ohr. Er weicht aus. Aha! Ich höre zu. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger, aber ich habe seit dem späten Vormittag nichts gegessen. Der Mann erzählt. Sie bohrt nach. Sie lässt ihn nicht überholen. „Ob sie was gesagt hat, habe ich dich gefragt.“ Er schlängelt sich weiter durch den Verkehr und durch das Gespräch. Ich komme mir vor, als säße ich auf der Rückbank. Kein rascher Seitenblick, keine Geste, kein Schweißtropfen bleiben vom Autor unbemerkt. Auch für die Schweigepausen findet er Worte. Ich habe mal wieder zu schnell gegessen. Während ich die Schüssel ausspüle, ist der Spielstand immer noch unentschieden, aber der Mann scheint im Vorteil zu sein. Die Feier ist nicht mehr das Thema. Man ahnt schon, bald wird es um Grundsätzliches gehen.

Inzwischen hat der Computer sich selbst auf Standby heruntergefahren. Ich muss erst wieder mein Passwort eingeben, bevor das Dokument, an dem ich gearbeitet habe, auf dem Bildschirm erscheint. Was wollte ich schreiben? Ich lese den letzten Absatz, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Es hilft nicht. Ich habe diesen blöden Streit, der vorgibt, keiner zu sein, noch im Kopf. Erst mal eine rauchen. Ich gehe wieder in die Küche. Etwas ist passiert. Der Wagen schleudert. Es dauert, bis der Mann ihn wieder unter Kontrolle hat. Seine Wange ist gerötet. Offenbar hat die Frau ihm eine Ohrfeige gegeben. Ich zünde mir ein Zigarillo an und öffne das Küchenfenster weit. Draußen hat es sich etwas abgekühlt. In der Wohnung steht die warme Luft. Am Straßenrand taucht eine geschlossene Tankstelle auf. Er hält den Wagen an. Jetzt könnten sie reden. Sie steigt aus und schlägt die Tür zu.

Als ich später noch einmal in die Küche gehe, um das Fenster zu schließen (Angst vor Mücken), haben die Literaturexperten das Wort. Sie loben, loben, loben. Sie scheinen mehr zu wissen als ich. Ein Literaturpreis dürfte dem Autor jetzt schon sicher sein.

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