In seinem im März dieses Jahres erschienenen Debütroman „“Vom Liebesleben der Mondvögel““ erzählt Elias Wagner die Geschichte eines Sommers der Veränderungen und unterstreicht dieses Thema, indem er seinem 15-jährigen Protagonisten Max als Lieblingsbuch „“Wunderbare Insekten“ in die Hand drückt. Mit Hilfe der Käfer, deren Abbildungen mich beim Umblättern der Seiten immer wieder zusammenzucken lassen, der Raupen, Puppen und Schmetterlinge versucht der in seiner pubertären Entwicklung hinter seinen Altersgenossen gerade etwas hinterherhinkende Junge sich eine ihm immer unverständlicher werdende Umwelt zu erklären.

Max lebt allein mit seinem Vater, einem Architekten, am Starnberger See, in dem vor einigen Jahren die Mutter, eine Malerin, ertrank, und wo der Vater noch immer nach Renken fischt. Die Fürsorge für den Sohn beschränkt sich darauf, dass der Kühlschrank regelmäßig und vom Feinsten gefüllt wird, während das durch das Unglück ausgelöste Trauma sich immer weiter zu vertiefen scheint. Stundenlang fährt Max’‘ Vater mit dem Auto sinnlos durch die Gegend, oder er übermalt die Landschaftsbilder seiner verstorbenen Frau. Dann wäre da noch der Großvater, der in einer Seniorenresidenz lebt und mitten in der Nacht Anweisungen für das Auspflanzen der Tomaten und das Beschneiden der Rosen auf den Anrufbeantworter spricht, und nicht zuletzt Max’‘ bester Freund Jacob, der sich in den Kopf gesetzt hat, den Schwarm der Klasse zu erobern, und dabei die Unterstützung des von ihm Herr Falter genannten Freundes erwartet. Hinreißend schildert Elias Wagner einen Besuch beim Großvater, entwickelt ein Panoptikum verschrobener Alter, die dem Jungen so unverständlich bleiben wie der schwerverliebte Jacob und der Vater, um den er sich Sorgen macht, für den er sich oft aber auch schämt.

Es ist diese Brüchigkeit der Jugendfreundschaft und der Vater-Sohn-Beziehung, die mich besonders berührt und mir das Buch sehr lesenswert gemacht hat, während jüngere Leser, die sich mit Rezensionen hier und da zu Wort gemeldet haben, eher nach Identifikation mit dem Protagonisten oder anderen jugendlichen Romanfiguren suchen -– eine typische Herangehensweise sehr junger Leser. Nicht nur Schreiben, auch Lesen will gelernt sein. „“Vom Liebesleben der Mondvögel““ ist kein Jugendbuch, auch wenn es die Probleme eines Heranwachsenden schildert. Zu einem guten (seinem besten) Teil, wird es von Jugendlichen nicht oder nur halb verstanden. Gleichzeitig mag es manchem Erwachsenen zu sehr einer jugendlichen Sichtweise verhaftet sein. Es ist eben nicht aus der Distanz von Jahren und Jahrzehnten geschrieben und durch spätere Einsicht gefiltert.

Elias Wagner begann die Arbeit am Roman mit 21 Jahren, ist seinem Helden noch ganz nah, was sich oft in der Sprache zeigt und im nicht bewerteten weil nicht zu bewertenden Schwebezustand all dieser Verwandlungen. Hier schreibt ein junger Mann, gibt sich nicht klüger, als sein Protagonist, und schon gar nicht altersweise. Das berührt mich, die Leserin, die oft genug von reifen Autoren ent- und verführt wurde. Oft genug, um den Gedanken, der mir beim Lesen hin und wieder kam, warum denn an dieser oder jener Stelle kein erfahrener Lektor zu einer Verbesserung angeregt hat, am Ende zu verwerfen.

In einem Interview, das Elias Wagner der Süddeutschen Zeitung beim Literaturfestival „Wortspiele“ gab, sagte er: „Schreiben war immer mein Hobby und diesen Spaß will ich mir vorerst nicht zerstören. Ich möchte schreiben, wann ich will und nicht dazu gezwungen sein. Ursprünglich hatte ich nicht den Plan, während des Studiums ein Buch zu veröffentlichen. Ich wollte Arzt sein und nebenher schreiben.“
Jetzt studiert er wohl erst einmal weiter Medizin. Ob er später wieder einen Roman schreibt, wird man sehen. Wenn es so ist, werde ich mit Interesse lesen, wie sich der junge Schriftsteller weiterentwickelt hat, denn sein Debüt berechtigt durchaus zu Hoffnungen. Und wenn er keinen Roman mehr schreibt, dann… wird er zumindest nicht irgendwann zu jenen gehören, die noch im Alter klagen, dass sie eigentlich immer ein Buch hatten schreiben wollen.

Cover

Elias Wagner
Vom Liebesleben der Mondvögel
Hoffmann & Campe, Hamburg (9. März 2012)
240 Seiten
ISBN-13: 978-3-455-40356-5

Leseprobe

ende_text

Advertisements