Die Erklärung, die Wikipedia für den Begriff „Geheimnis“ gibt, liest sich recht ernüchternd:

Ein Geheimnis ist eine meist sensible Information, die einer Personengruppe, für die sie von Interesse ist/sein könnte, nicht bekannt oder einsehbar ist. Die entsprechende Information wird häufig absichtlich in einem kleinen Kreis Eingeweihter gehalten. Sie kann durch äußere Umstände auch vollkommen verloren gehen. Im politischen Bereich wird für den Begriff auch der aus dem Angelsächsischen re-importierte Ausdruck klandestin (ursprünglich von lateinisch clandestinus ‚heimlich‘, ‚geheim‘) verwendet. Als Gegenbegriffe gelten Öffentlichkeit, Transparenz und Informationsfreiheit.

Im Kontext eines Mysteriums bezeichnet „Geheimnis“ ein Ereignis, das rational nicht erklärbar scheint oder einen Vorgang, dessen Hintergründe aufgrund des Wirkens bestimmter „eingeweihter“ Personengruppen (z. B. Priester, Schamanen, Magier, Sagenfiguren) für den gewöhnlichen Betrachter erwartungsgemäß und absichtsvoller Weise unklar bleiben.

Wikipedia

Im Folgenden zählt Wikipedia dann verschiedene „Spezialgeheimnisse“ auf, vom Amtsgeheimnis und Staatsgeheimnis, über das Bankgeheimnis und Postgeheimnis, bis hin zum Beichtgeheimnis, der ärztlichen Schweigepflicht, dem Betriebsgeheimnis, Anwaltsgeheimnis usw. usf., und auch der Datenschutz findet Erwähnung.

Gibt man sich mit all diesen Erklärungen nicht zufrieden, fügt z.B. dem Suchbegriff „Geheimniss“ den Suchbegriff „Psychologie“ hinzu, wird man mit Neugier als Erklärung für die Faszination am Geheimnis abgespeist. Darüber hinaus stellt man sehr schnell fest, dass „Geheimnis“ ein stark strapaziertes Wort ist, weil sowohl Autoren sozialpsychologischer Ratgeber, als auch die Industrie auf seine Lockwirkung vertrauen. Das Geheimnis des Erfolgs, das Geheimnis einer glücklichen Partnerschaft, das Geheimnis strahlend schöner Haut, das Geheimnis einer guten Figur,…… All diese Geheimnisse werden in Form von Produkten, Büchern oder Ratschlägen in Magazinen zum Kauf angeboten –- und das nicht nur uns, sondern auch dem Rest der Menschheit. Lauter Geheimtipps, die schlagartig aufhören, ein Geheimtipp zu sein. Allzu durchschaubar ist die Manipulation. Freilich geht es darum, unsere Neugier zu wecken. Die Enttäuschung, dass das Geheimnis kein Geheimnis ist, sondern frei zugängliche Information, kommt erst nach dem Kauf. Trotzdem wird der Köder immer wieder ausgeworfen, und immer wieder beißen wir an. Warum?

Alle möglichen Dinge und Kenntnisse werden einem (angeblich) geheimen Wissen zugeordnet, das wir uns nur aneignen müssen (gegen Bezahlung), um allen Nichtwissenden eine Nasenlänge voraus zu sein. Das Geheimnis des Geheimnisses an sich bleibt ungelüftet wie ein nach Mottenkugeln riechender Konfirmationsanzug im Schrank.

Man mag es für Naivität halten, wenn ich versuche, mich dem ursprünglichen Wesen des Geheimnisses anzunähern, indem ich mich bemühe, mich weit in meine Kindheit zurück zu erinnern. Wann trat das Wort Geheimnis, das doch so sehr der Welt der Erwachsenen, der Wissenden oder um ihr Nichtwissen wissenden angehört, in mein Leben? Es muss recht früh gewesen sein. Und manchmal beobachte ich, wie in einer Kindergartengruppe, die einen Ausflug macht, ein Kind dem anderen etwas ins Ohr flüstert. Ein Geheimnis. Etwas, dessen Tauglichkeit als Geheimnis wir Erwachsenen nachsichtig belächeln würden. Und doch sind zweifellos wir es, die Kinder mit Geheimnissen bekanntmachen. Wann habe ich zu einer meiner Töchter zum ersten Mal gesagt, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis? Und natürlich war es nichts, was die kindliche Seele belasten sollte. Es sollte das Kind erfreuen und tat es auch.

Die anderen Geheimnisse, die dunklen, die schweren, die, welche einen zum Mitwisser machen von Dingen und Absichten, von Untreue und Gaunereien, von heimlicher Schuld und heimlichem Kummer, von denen man lieber nichts wüsste, die kommen später. Geheimnisse können wie Lasten sein, die einem aufgebürdet werden, ohne dass man sich dagegen wehren kann. Man kann sie nicht abstellen wie einen Koffer und sagen: Den trägst du gefälligst selber. Der einzige Ausweg wäre, zum Geheimnisverräter zu werden, aber wer möchte schon ein Verräter sein? Also schleppt man die Bürde mit sich herum. So gesehen, müsste das Wort Geheimnis eher eine abschreckende Wirkung auf uns haben. Es muss also einen anderen Grund geben dafür, das Geheimnisse uns locken, auch wenn wir nicht krankhaft neugierig sind oder eine perfide Freude daran haben, Geheimnisse auszuplaudern.

Da wäre zum Einen sicher das Geheimnis als Refugium, ein Geheimnis also, das wir mit niemandem teilen, weil es ein nur uns gehörender (geistiger) Zufluchtsort ist. Auch diese Art von Geheimnis entdecken Kinder früh, haben einen geheimen Platz, an dem sie sich gerne aufhalten, oder ein Versteck für einen besonderen Schatz, das sie auch dem besten Freund nicht verraten. Mindestens ebenso wichtig aber ist das geteilte Geheimnis, dessen Zauber eben in der Mitteilung liegt.

Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit meinem Großvater. Am Abend zuvor hatte er seinen Skatabend gehabt. „Ich verrate dir jetzt, wie viele Biere ich gestern Abend getrunken habe. Du darfst es aber nicht Oma erzählen.“
Ich nickte ernsthaft, und er hielt acht Finger in die Luft.
Ich liebte meine Großeltern beide, aber meine Großmutter hat nie erfahren, wie viele Biere, denn in diesem Augenblick liebte ich meinen Großvater ein kleines Bisschen mehr –- für das Geschenk seines Vertrauens. Und damit nun kein falscher Eindruck entsteht: Ebenso wenig hat mein Großvater je erfahren, wie viel Schmugeld (heimlich vom Haushaltsgeld abgezweigt) meine Großmutter schon für die Weihnachtsgeschenke zusammengebracht hatte.

Advertisements