Als ich damals – nach dreieinhalb Jahren – aus Spanien nach Berlin zurückkehrte und hier nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder einen deutschen Fernsehfilm sah (es hätte auch ein Kinofilm sein können), fand ich es fast unerträglich, wie gekünstelt die Dialoge und die Art zu sprechen waren. So redet doch kein Mensch im wirklichen Leben! Warum war mir das früher nie aufgefallen? – Die Antwort lag auf der Hand: Früher hatte ich regelmäßig deutsche oder deutsch synchronisierte Filme gesehen, und sowohl das Alltagsgespräch als auch die Filme waren Hörgewohnheit. Für Letztere galt das inzwischen nicht mehr. – Ich habe mich dann in den Jahren, die folgten, auch mit dem Drehbuchschreiben beschäftigt, jede Menge Bücher dazu gelesen und eine Reihe goldener Regeln gelernt. Eine davon ist: Jeder Satz, jede Kameraeinstellung muss die Handlung vorantreiben. Du hast nur 90 Minuten, um die Geschichte zu erzählen. Dass es bei den meisten Spielfilmen heute deutlich mehr als 90 Minuten sind, ändert am Prinzip wenig und ist nicht grundsätzlich ein Gewinn. Manchmal frage ich mich, ob diesen Längen die Überlegung zugrunde liegt, dass der Kinobesucher für einen Durchschnittspreis von 6,17 Euro pro Kinokarte eben mindestens zwei Stunden lang unterhalten werden möchte, wurden ihm doch früher mal Wochenschau, Vorfilm und Hauptfilm für 2 Mark geboten. Den Vorfilmen trauere ich wirklich nach, denn an einige erinnere ich mich besser und lieber als an die danach gezeigten Hauptfilme. Das Einsparen des Vorfilms hat dem Genre Kurzfilm seine -– meines Erachtens -– wichtigste Bühne genommen. Zu den Kurzfilmfestivals gehen ja doch fast nur die erklärten Cineasten, und das Fernsehen zeigt sie nie in der Prime Time mit den höchsten Einschaltquoten. Aber das ist ein anderes Thema. Zurück also zum Dialog im Film!

Über das Dialogschreiben lehren die oben erwähnten Bücher, dass es dem künftigen Drehbuchautor gut ansteht, natürlich gesprochene Dialoge abzuschreiben, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Menschen reden. Hah! Ich stellte mir vor, wie ich meine Gäste frage, ob sie etwas dagegen hätten, wenn ich an der Kaffeetafel den Kassettenrecorder laufen lasse, oder wie ich heimlich in der Bahn oder im Restaurant ein Diktiergerät einschalte, wenn nebenan eine Unterhaltung stattfindet.

Wie das Leben so spielt, habe ich heute reichlich Gelegenheit, natürliche Dialoge abzuschreiben, wenn ich z.B. Podiumsgespräche transkribiere. Man mag einwenden, dass ein vor Publikum geführtes Gespräch keine „natürliche“ Unterhaltung ist, aber natürlicher als Filmdialoge ist sie allemal. Selbst publikumserfahrene Profis verfügen selten über ein solches Maß an Sprachdisziplin, dass sie jeden Satz -– einschließlich aller Einschübe – grammatikalisch und folgerichtig zu Ende führen. Wir alle denken schneller als wir schreiben, lassen Gedankensplitter einfließen aus Furcht, sie sonst nicht mehr anbringen zu können, benutzen andererseits aber auch ganz überflüssige Füllworte und Floskeln, wenn wir Zeit gewinnen wollen, um das Gedachte zu sortieren. Eine kurze Schweigepause zum Nachdenken gönnt sich kaum jemand oder bestenfalls in Vorträgen, wo nicht die Gefahr besteht, dass ein Anderer die Gelegenheit nutzt und das Wort ergreift. Dauernd werden Sätze mit „„Also, …“ …“ begonnen oder bleiben unvollendet, weil einer dem anderen ins Wort fällt, oder sie bleiben einfach so in der Luft hängen, denn der nächste Gedanke ist schon da und drängt darauf, ausgesprochen zu werden. In Filmdialogen dagegen: Frage –- Antwort –- Kommentar ……, immer mit einem winzigen Päuschen dazwischen, Sekunden, die sich in der knapp bemessenen Zeit addieren. Unserer aller Unarten im Gespräch kommen nur da vor, wo sie im Drehbuch stehen. Sie werden zu Opfern der Zeitökonomie, vielleicht auch zu Opfern der Sorge um Verständlichkeit. Diese Sorge aber erscheint mir unbegründet, vielleicht sogar falsch zu sein. Wird eine Person (im Film) verständlicher durch den einen prägnanten Satz, den ihr das Drehbuch zugesteht? Wird sie nicht viel realer und begreifbarer durch Sprechgewohnheiten einschließlich der Unarten, die sich im Laufe eines Lebens, bedingt durch Herkunft, Temperament und soziale Stellung gebildet haben? Das in einem Drehbuch umzusetzen, ist unglaublich schwer.

Tamer Yigit, 1974 in Berlin geboren, stellte am 7. Mai in der Akademie der Künste den Film „„Karaman““ vor, den er mit Branca Prlic zusammen im Heimatort seiner Eltern in der Türkei gemacht hatte –- eine No-Budget-Produktion, bei der Yigits Eltern und Bruder (ohne Gage) mitgewirkt hatten, auch einige Tanten und Cousinen als Statisten. Dass man das hinkriegt, einen richtigen Spielfilm, der alles andere als eine Homestory ist (niemand spielt hier sich selbst), mit überwiegend Laien (noch dazu aus der eigenen Familie) zu drehen, wird glaubhaft, wenn man Tamer Yigit bei seiner Theaterarbeit mit jugendlichen Laiendarstellern erlebt hat. Der Film war auf der letzten Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ gelaufen und tourniert jetzt durch die Festivals. In den kommerziellen Kinos wird er wohl nicht landen. Es fehlen die publikumswirksamen Namen. Trotzdem empfehle ich, nach „Karaman“ Ausschau zu halten und ihn sich anzuschauen, wenn die Gelegenheit besteht. Im Podiumsgespräch nach der Vorführung im Mai sagte Tamer Yigit auf die Frage von Cristina Nord (taz), ob die Schauspieler sich bei den Dialogen, die „so was Freischweifendes haben“, an das Drehbuch gehalten hätten: „“Branka ist ein Fan von Improvisation. Ich bin absolut null Fan davon. Ich bin sehr gerne ein Schreiberling, und ich schreibe sehr gerne Dialoge, und ich erwarte von meinen Schauspielern, dass sie sich Wort für Wort daran halten.““

Es geht also doch. Man kann Dialoge schreiben, die ganz natürlich klingen – auch für das filmdialog-entwöhnte Ohr. Im Blog versuchen wir das ja auch oft, wobei es sich hier eher um Monologe handelt, aber immerhin versuchen viele Blogautoren ihre Einträge so zu schreiben, als würden sie mit Freunden zwanglos plaudern. Behalten wir es also ruhig bei, das „“Hm“…“ und „“Äh“…“ und „„Aaaaaalso“, …“ und die Halbsätze, die mit Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen enden. Es bringt uns einander näher, macht uns menschlicher und lebendiger in der digitalen Welt.

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