Wenn das Ausscheiden der deutschen National-Elf im Halbfinale ein Gutes hat, so ist es, dass Angela Merkel dadurch ein Dilemma erspart bleibt. Die Zusage der Kanzelerin, beim Endspiel in Kiew persönlich zugegen zu sein, womöglich an der Seite von Janukowytsch zu jubeln, war nicht grundlos sehr umstritten, hatten doch Anfang Mai dieses Jahres die Mitglieder der EU-Kommission erklärt, nicht zu den Spielen der Fußball-Europameisterschaft in die Ukraine zu reisen, und wollten dies ausdrücklich nicht als Boykott der EM, sondern als Protest gegen den Umgang mit der inhaftierten Oppositionsführerin Julija Tymoschenko verstanden wissen.

Mag sein, dass die Verpflichtungen der Bundeskanzlerin ihr nicht viel Zeit zum Grübeln lassen. Sollte ihr Blick aber doch einmal aus ihrem Arbeitszimmer im 7. Stock des Bundeskanzleramtes durch das Fenster Richtung Brandenburger Tor gehen, wäre es ja theoretisch möglich, dass sie sich über die weibliche Gestalt, die dort die Quadriga lenkt, ein paar Gedanken macht.

Johann Gottfried Schadow, mit der Fertigung der Quadriga beauftragt, schwebte ursprünglich die griechische Friedensgöttin Eirene im geschürzten Gewand vor, und an so etwas wie Trophäen dachte er folglich überhaupt nicht. Doch schon im Werkvertrag von 1789 war von einer „Siegesgöttin“ die Rede, und ein Beschluss des Senats der Akademie der Künste zwang Schadow dazu, der Wagenlenkerin Eirene eine Kopie der Siegestrophäe der Nike (rechts auf dem Attikarelief) in die Hand zu drücken und aus ihr dadurch eine Art göttlicher Zweifaltigkeit zu machen. In der Bevölkerung stieß dies -– wie es solche Inkonsequenzen immer tun -– auf heftige Kritik. Daraufhin „besserte“ Schadow ein zweites Mal nach, ersetzte das Tropaion durch eine Lanze mit Lorbeerkranz und römischem Adler und verpasste der Dame (Das habt ihr jetzt davon!) ein langes Gewand. – So viel zur Freiheit der Kunst und zum Geschiebe in der Politik. Gerade so, als gäbe es keinen Frieden ohne Krieg. Dabei ist Frieden, genau wie Gesundheit, der Normalzustand eines Volkes bzw. eines Organismus, der keinen Unnormalzustand braucht, um wünschenswert weil beschwerdefrei zu erscheinen.

Die Frauenrechtsbwegung muss damals noch nicht so richtig aus der Hüfte gekommen sein, andernfalls hätte es einiges Gezeter geben müssen. Wie nämlich sah es bei den Männern aus? – Reiterstandbilder!

Eine Person zu ehren, indem man sie hoch zu Ross sitzend darstellte – auch dies ist ein aus der Antike übernommener und weidlich gepflegter Brauch. Wohin man auch kommt, irgendwo, an populärer Stelle, findet sich ein Reiterstandbild. Dagegen will ich gar nicht monieren, aber wer auch nur ein klein wenig von Pferden versteht, der weiß, dass ein Pferd reiten zu können, nicht bedeutet, einen Vierspänner lenken zu können. Genauso wenig bedeutet, ein Land regieren zu können, Europa lenken zu können. Wer meint, man müsse da einfach nur größer denken, ist auf dem Holzweg. Man muss ganz anders denken.- Die Globalisierung wird kommen. Sie ist schon da –- ein unumkehrbarer Prozess, der nach eigenen Gesetzen abläuft und nach dessen Steuerungsmöglichkeiten (und Steuerungswünschbarkeit) noch gesucht wird. Vielleicht muss man sogar wieder kleiner denken. So wie heute einer modernen Familie kein Patriarch vorsteht, sollte man sich heute nicht fragen, wer denn befähigt wäre, die Welt zu regieren, oder -– etwas abstrakter –- an einen Punkt denken, an dem alle Fäden zusammenlaufen müssen. In modernen Familien sind deren Mitglieder nach individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten miteinander vernetzt. Genau so stelle ich mir Globalisierung vor. Unsere Erde ist ein Organismus, der nur gesund sein kann, wenn er es am ganzen Körper ist. Dass er es ist, dafür sorgt jeder am besten im eigenen Umfeld. Die sinnvollen Verknüpfungen ergeben sich dann fast von selbst. Und noch etwas gilt gleichermaßen für moderne Familien wie für eine moderne Welt: Miteinander kann man praktisch am besten, wenn man theoretisch auch ohne einander könnte und die gemeinsame Fürsorge denjenigen gilt, die tatsächlich (noch oder wieder) Hilfe brauchen.

Das sind so die Sachen, über die Frau Merkel ein paar Minuten grübeln könnte –- jetzt, wo sie sich nicht mehr darüber den Kopf zerbrechen muss, ob sie nun nach Kiew reisen soll oder doch lieber nicht.

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