Gestern war ja Welttag der Poesie. Nun muss ich zu Welttagen sagen, dass ich glaubte, sie wären alle schon vergeben. Ich meine, das Jahr hat weltweit nur 365 Tage und alle vier Jahre einen Zusatztag, und irgendwann sind die mal verteilt. Und so hörte ich gestern auch, dass es von der Antragstellung dreißig Jahre gedauert haben soll, bis dieser Welttag von der zuständigen Kommission abgesegnet wurde. Vielleicht war ja ein Welttag abgeschafft worden –- wieder auf dem Markt sozusagen. Aber ganz so dem Zufall überlassen geschah es vielleicht doch nicht. Immerhin ist es sehr hübsch, dass dieser Welttag auf den kalendarischen Frühlingsanfang fällt. Frühling, das ist doch genau die Zeit, in der auch die weniger poetisch veranlagten Gemüter sich das eine oder andere Gedicht gefallen lassen. Im Max-Liebermann-Haus war der Saal jedenfalls bis auf den letzten Platz besetzt. Ich sollte mich dafür entschuldigen, dass ich einen dieser offenbar begehrten Plätze in Anspruch nahm, aber ich musste. Ich gehe nämlich nicht freiwillig zu Gedichtelesungen. Für mich sind Gedichte vergleichbar mit Pralinen. Ein oder zwei sind ein Genuss (oder können es zumindest sein), frisst man eine ganze Schachtel leer, denkt man am Ende nur noch: Nie wieder Schokolade! Ähnlich erging es vielleicht vielen Besuchern der Veranstaltung, denn der Applaus tendierte weit mehr zu „höflich“ als zu „frenetisch“. Das lag nicht an den Dichtern und nicht an den Gedichten, sondern wohl hauptsächlich an der Zweifelhaftigkeit solcher Veranstaltungen, die sich damit rechtfertigen, dass der Poesie unbedingt mehr Raum in unserer Kulturlandschaft und in unserem Leben überhaupt gegeben werden muss. Das denke ich übrigens jedes Mal, wenn ich eine leere Plakatwand oder einen leeren Leuchtkasten sehe. Warum steht da kein Gedicht? Nur geschätzte fünfundzwanzig, dreißig Gedichte, vorgetragen von fünf Dichtern, wo nötig dazu noch übersetzt, innerhalb von zwei Stunden, das ist …… Also, es ist nicht mein Ding, und deshalb werde ich über diesen Welttag der Poesie hier auch nicht mehr schreiben als dies: Lest mal wieder ein Gedicht –- wenigstens im Frühling. Im Tiergarten sangen gestern Abend um sieben noch die Vögel -– ganz stilsicher.

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