Der zweite Band der Pantamann-Romane von Johanna und Günter Braun präsentiert sich wie ein Anhang zum ersten, denn er besteht aus Briefen, die der Pantamann Paskal an seinen Freund Dr. Imre Viatti schreibt. Die gewählte Form ist allemal dem vorzuziehen, was uns nicht selten als Teil II, III…, … vorgesetzt wird und an ein Durchstarten nach geglückter Landung erinnert, mit dem Vorsatz die ursprüngliche Flughöhe noch zu übertreffen. Das gelingt selten. Spannungsbögen gehorchen ihren eigenen physikalischen Gesetzen, und so ist die Entscheidung der Autoren für eine andere Erzählform klug zu nennen.

Paskals erste Station auf seiner fluchtartig angetretenen Reise ist Entys, eine Stadt, die den Bewegungsabläufen huldigt. Das Thema ist historisch interessant, manifestiert sich zum Beispiel in vielen Bauten und der Stadtplanung faschistischer Staaten, und die Akademie der Künste wird dieser „Choreographie der Massen“ ab Juni dieses Jahres eine Ausstellung widmen. Was die Brauns hier gesellschaftskritisch aufs Korn nehmen, ist freilich auch die Automatisierung in der Arbeitswelt, die mit einer Automatisierung menschlicher Bewegungen einhergeht. Karsten Kruschel, selbst in der DDR geboren und Science Fiction-Autor, schreibt über die ersten beiden Pantamann-Bände: „Wie nach trüben Erfahrungen mit dem vergangenen Staats(un)wesen nicht anders zu erwarten, sind die Satiren schärfer, die Töne galliger und die Analysen unfreundlicher geworden. […] Paskal ist einer jener naiven Beobachter, die in Büchern der Brauns immer die Welt sachlich-überraschend betrachten. [……] Es scheint nicht viel zu passieren, aber um ‚action‘ geht es den Brauns nicht. Sie haben sich in dieser Trilogie offensichtlich die Aufgabe gestellt, Realität bloßzustellen. […] In vielen kleinen und großen Hieben machen sich die Brauns auf eine Weise über die Macken dieser Welt lustig, daß mir das Lachen im Halse steckenbleibt. Paskals Gehirnuntersuchung bei einem Mannergibt überdimensionierte Felder für Gesinnungen und Ansichten, denen stark eingeschränkte für Wahrnehmung und kritisches Denken gegenüberstehen, dafür ist das Egozentrum zu groß. Zunächst deutet der Befund auf einen Geheimdienstmann hin; es ist dann aber ein religiöser Eiferer – was keinen großen Unterschied in der Denkweise macht, wie Paskal feststellt.“

Ohne den system- und gesellschaftskritischen Anspruch von Johanna und Günter Braun oder gar dessen Berechtigung in Zweifel zu ziehen, interessiert mich aus heutiger Perspektive an ihren Büchern doch sehr, was über die Zeit ihrer Entstehung hinausweist, und in diesem Fall offenbart sich die große, über alle Zeiten hinausweisende Frage bereits im Titel, die Frage nach der Zeit, die hier nicht als vierte Dimension, sondern als etwas Relatives betrachtet wird. – Als Horst-Uwe, sein Mitbewerber um die Gunst der Arzttochter Rikarda, ihn provoziert: …du lebst in einer Zeit die abgestorben ist, du hast die Automatenphantasien von E.T.A. Hoffmann geistig nicht überwunden. Merkst du nicht, was die Zeit heute von dir verlangt? gebraucht Paskal zum ersten Mal die Worte, die er später bei der Liebe mit Rikarda wiederholt wie ein berauschendes Lied: LE TEMPS C’EST MOI. Deren Bedeutung für Paskal wird erst wirklich klar, als er den Weisen Transformator, jenem oben erwähnten religiösen Eiferer, aufklärt: Wer liebt, der muß die Zeit verrinnen lassen, die ganze Zeit, die ich beim Arbeiten einspare, weil ich so schnell bin, muß ich doch irgendwo verrinnen lassen, um einsparen zu können, an diesem Wechsel muß ich festhalten, sonst kann ich nicht mehr arbeiten, wer keine Zeit verrinnen lassen kann, der wird auch keine haben.

Was Paskal außer Zeit verrinnen lässt, gibt Rätsel auf, denn Rikarda wird von dem Robotermann schwanger, etwas, was nicht einmal Paskal selbst für möglich gehalten hatte, ebenso wenig wie die geneigte Leserin –- in diesem Falle ich. Jedenfalls hätte ich den Autoren dringend von einer solchen Wendung der Geschichte abgeraten. Wenn sie aus der Nummer glimpflich wieder raus wollen, muss ein Unglück geschehen, überlegte ich lesend. Ich wurde regelrecht nervös, fürchtete einerseits um die Romanze, die bei den Brauns offenbar nie fehlen darf, andererseits um die Geschichte, die ohne rechtzeitig sich ereignende Tragödie gar nicht anders kann, als ins Lächerliche abzugleiten. Um es kurz zu machen: Sie gleitet, und der Leser muss da durch, wenn er das Buch nicht, bei Seite 150 angekommen, in die Ecke werfen will, um sich solches zu ersparen. Das Durchhalten aber lohnt sich oder hat sich für mich gelohnt, denn wenn ich den schon aus dem Mutterleib mit den Eltern diskutierenden Paskalino auch schwer erträglich fand, so folgten doch noch einige sehr lesenswerte Passagen, unter anderem die, welche für mich ein besonderes Glanzlicht in dieser Lektüre darstellt: ein Briefwechsel zwischen Doktor Viatti und Paskal, in dem Viatti, statt Paskal zu seinem Sohn zu gratulieren, schonungslos erklärt, dass er diesen für ein Monster hält und keineswegs für den neuen Menschen einer neuen Zeit, und Paskal ihm antwortet: Sie sind, Viatti, ein ironischer Sichlustigmacher, der beiseitesteht und beobachtet. Ihr Wunsch, Viatti, ist es festzustellen, daß alles im Prinzip so bleibt, die Welt sich überhaupt nicht ändert, das stellen Sie mit zynischer Freude fest.

Den Autoren kann man nicht vorwerfen, ironische Sichlustigmacher gewesen zu sein. Bei aller Ironie besteht an ihrem Wunsch, die Gesellschaft möge sich zum Besseren verändern, nicht der geringste Zweifel. Das lässt sich nicht von allem sagen, was heute als Satire begeistert gelesen wird. Dennoch drängt sich auf den letzten 50 Seiten des Romans das Konstruktiv-Kritische ziemlich arg, darüber trösten auch die Verweise auf Blaise Pascal, den Paskal inzwischen seinen geistigen Vater nennt, und manche schöne Betrachtung über das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen nicht hinweg. Teils als meine kleine Rache für derart komprimierte Lebensweisheit, die selbst vor der Sauberkeitserziehung des Kleinkindes nicht Halt macht, teils weil mich der Schluss dann doch wieder freute und versöhnte, kann ich hier nicht umhin anzumerken, dass am Ende des zweiten Pantamann-Bandes Paskal doch wieder auf seine Ich-Suche geht, und dass es dazu kommt, weil er zwar erkennt, noch ein Ich-Suchender zu sein, aber nicht durchblickt, dass er einer typisch männlichen Schwäche nachgibt. Als Legionen von Frauen von ihm auch einen kleinen Paskalino wollen, Paskal sich also in grotesker Weise wieder mit dem ICH-AUCH-HABEN-WOLLEN konfrontiert sieht, schickt Rikardas Vater ihn fort, verhilft ihm zur Flucht, damit wieder Frieden in sein Haus und in die Stadt einzieht. Horst-Uwe soll Rikarda heiraten, natürlich nur pro forma, bis der Rummel um Paskalino sich gelegt hat…

Zitat:

Dennoch, als ich nun wieder aus eigener Kraft dahinrollte und meine geliebten Schleifen zog, mal raste, mal tänzelte, mal kreiste, um wieder zügig vorzustoßen, stellte ich fest, daß ich nicht nur der albernen Frauen wegen und nicht nur als Verjagter Voluntaria verließ, sondern wahrhaftig wegen meines ICH, um das zu finden ich schon aus Regenau aufgebrochen bin.

Der beschwerlich gewordene Karren ist an die Wand gefahren, ohne dass Paskal selbst bremsen musste, um aussteigen zu können. Im Zweifelsfall immer des Mannes liebste Lösung -– solange der Karren nicht sein Auto ist. Und Paskal ist eben auch nur ein Mann.

Johanna Braun, Günter Braun
Die Zeit bin ich, Paskal
mit Illustrationen von Johannes K. G. Niedlich
Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1989 (1. Auflage)
216 S.
derzeit nur antiquarisch erhältlich z.B. bei Amazon

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