Illustration von Johannes K. G. Niedlich

Ich finde es immer wieder spannend, wie Autoren die Figuren eines Romans einführen. Wie hält man es mit einer Hauptfigur, die zu Beginn der Handlung noch gar nicht existiert? In „“Die Geburt des Pantamannes““ lassen Johanna und Günter Braun uns zunächst Doktor Imre Viatti kennenlernen. Das ist gut, denn der Psychiater wird uns durch die ganze Geschichte begleiten, auch wenn er uns als ein Mensch begegnet, dem am Begleiten nicht viel gelegen zu sein scheint. Seine Patienten jedenfalls, die sich bereits im Morgengrauen vor seiner Praxis anstellen und dort bei dem ewigen Regenwetter ausharren –- das Wetter wird uns übrigens auch treu bleiben, lässt er von seinen zehn Vertretern behandeln, Robotern aus den benachbarten PANTAMANN-Werkstätten. Sie sehen Viatti zwar ähnlich und wurden von ihm mit den Floskeln seiner Zunft gefüttert, dennoch kann Viatti sich nicht vorstellen, dass keiner der Patienten den Schwindel bemerkt. Umso mehr wundert ihn der tägliche Andrang vor seiner Praxis -– und er verärgert ihn auch. Oft ergreift er deshalb die Flucht und macht während der Sprechstunde einen Spaziergang, und eines Tages führt ihn sein Weg dabei ins PANTA-Kaufhaus. Hier stellt er zu seiner Überraschung fest, dass zu all den angebotenen Luxusgütern auch Pantamänner zählen, der größte Luxus, selbst wenn es sie auch in weniger luxuriöser Ausfertigung gibt, den sich viele aber doch leisten, weil er ihnen die Arbeit abnehmen aber für sie auch die nötigen Einkäufe erledigen soll, ohne, wie sie selbst, den maßlosen Kaufverlockungen zu erliegen. Viatti, fasziniert von der Idee, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, tauscht mit einem Pantamann den Platz, klemmt sich selbst dessen Preisschild unter den Fuß und lässt sich von einer jungen Frau mitnehmen. Unerwartet findet er sich in der Situation, zwei frechen Knaben den erziehenden Vater ersetzen zu sollen, der sich aus dem Staub gemacht hat. Viatti ist nicht willens, die ihm zugedachte Vaterrolle auch nur einen Tag lang zu spielen. Er ergreift die Flucht, und auf seinem Weg durch Stadtteile, in die er sonst nie kommt, erkennt er das ganze Ausmaß des Elends, sieht die Menschen, die trotz ihrer Panatamann-Helfer nicht entspannt und glücklich zu sein scheinen, und sieht auch die achtlos an den Straßenrand geworfenen Pantamänner, die an Ort und Stelle verrotten, nachdem sie kaputtgegangen sind oder zerschlagen wurden, denn viele zeigen deutlich die Spuren von Gewalteinwirkung.

Der Erfinder des Pantamannes (panta griech. = alles) ist Professor Phenax, der immer wieder zu Viatti in Kontakt tritt, denn sein größter Traum ist es, seinen Pantamännern auch so etwas wie eine eigene Persönlichkeit zu geben. Hatte er sich von Viatti ursprünglich nur beraten lassen, um seine Roboter mit stereotypen Gefühlsäußerungen auszustatten, bedrängt er ihn bald, ihm tiefere Einblicke in die menschliche Psyche zu verschaffen. Der erste Roboter, der von sich selbst nicht mehr in der dritten Person sprechen, sondern ein ICH-Bewusstsein entwickeln soll, ist Paskal, Phenax‘ bester und intelligentester Roboter und deshalb ständig an seiner Seite. Als Vertrauter muss Paskal auch Botengänge zu Phenax‘‘ Ehefrau machen, die ihn mit dem Sohn verlassen hat, nachdem der von seinen Experimenten besessene Erfinder dem schlafenden Kind ohne Wissen der Mutter ein Stückchen Haut entnommen hatte, um eine menschenähnlichere, zugleich aber makellosere und widerstandfähigere Haut für seine Roboter zu entwickeln. Im Fortgang der Geschichte zeigt sich Phenax’‘ Gewissenlosigkeit immer deutlicher. Er scheut nicht vor Erpressung zurück, um Viatti die Geheimnisse der ICH-Werdung zu entlocken, und hat zunächst Erfolg, der sich aber bald ins Gegenteil verkehrt. Paskal, mit den von Viatti gelieferten Seelengeheimnissen programmiert, beginnt zu widersprechen. Als Phenax ihm in den Komplex ICHWERDUND das ICH-AUCH-HABEN-WOLLEN programmieren will, wehrt sich Paskal und erklärt: ICH ist kein ICHAUCH.

Dies ist für mich die Schlüsselszene des Romans, und auch wenn sie durch Wiederholungen in Großbuchstaben optisch etwas dick aufgetragen daherkommt, so hält die Schlüssigkeit der Aussage dies doch aus und büßt nichts von ihrem Anreiz zum Nachdenken ein.

In der Folge ereignen sich Szenen, wie man sie sich zwischen einem autoritären Vater und einem einerseits dankbaren, andererseits nach Unabhängigkeit strebenden Sohn vorstellen kann. In diesen Konflikt wird auch Viatti hineingezogen, zu dem Paskal flieht, als Phenax ihm das ICH wieder nehmen will. Als Paskal jedoch herausfindet, dass Viatti Berichte an Phenax schickt, auch wenn diese fingiert sind und Phenax davon abbringen sollen, die unverzügliche Herausgabe seines GEBASTELS zu verlangen, betrachtet der nun menschlich denkende Paskal Viattis Mitteilungen an Phenax als Verrat. Mit der Feststellung, Viatti wisse nicht, was ein Freund ist, während Paskal es wisse, verlässt er den Seelendoktor -– ein freier Roboter, der nie etwas „auch“, sondern alles aus seinen eigenen Gründen tut. Von seinem Erfinder aber wird er weiterhin gejagt. Phenax hat zwar eingesehen, dass er an Paskal keine Freude mehr hätte, bekäme er ihn zurück, jetzt aber will er ihn vernichten. Ich verrate nichts, wenn ich schreibe, dass ihm das nicht gelingt, denn das verrät sich bereits durch die Tatsache, dass dieser Roman einen zweiten Teil hat.

Mein Exemplar von „Die Geburt des Pantamannes“ ist 1988 im Verlag Das Neue Berlin erschienen und hat, wie ich dem Stempel entnehme, dann in der Bibliothek der Nationalen Volksarmee, Dienstelle Frankfurt (Oder) gedient, wo es nicht sonderlich strapaziert wurde. Man muss dazu allerdings sagen, dass es die Nationale Volksarmee nach 1988 auch nicht mehr lange gab. Grundsätzlich aber wünsche ich diesem Roman noch viele Leser, denn er ist gut geschrieben, spannend, auf eine leise Art vergnüglich und in vielem nicht weniger aktuell als vor 25 Jahren. Zwar wird die Selbstverwirklichungstrommel heute nicht mehr so laut gerührt, der Wunsch von Computerprogrammierern, ihren Maschinen so etwas wie Gefühle, ja womöglich eine Seele zu verpassen, besteht aber nach wie vor und ist, will man den begeisterten Berichten von der elektronischen Front glauben, in sensorisch erfassbare Nähe gerückt.

Da derzeit kein Buch der Brauns im regulären Buchhandel erhältlich ist, werden Interessenten sich, genau wie ich, in Antiquariaten auf die Suche machen müssen, z.B. bei Amazon.

Braun_Die_Geburt_des_Pantamannes

Johanna Braun, Günter Braun
Die Geburt des Pantamannes
mit Illustrationen von Johannes K. G. Niedlich
Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1988 (1. Auflage)
208 S.

Advertisements