Zunächst einmal geht es um Birnen. Die ganz Stadt Vitagam, umgeben von Birnenplantagen, riecht nach Birne. Auch in der Schule beginnt der Tag mit dem gemeinsamen Birnenfrühstück. Auf Kommando wird angebissen und dann rhythmisch gekaut. Im Unterricht werden Birnen zerlegt. Oliver Input, der Ich-Erzähler und Held der Geschichte, kann es herunterleiern: Die nationale Frucht ist das Gold unseres Landes, weil wir mit ihr hohe Einnahmen durch Exporte erzielen, so bekommen wir das Geld, um noch mehr Birnen anbauen zu können. Sie dient auch dem vermehrten Ankauf und der Installation von hochintelligenten Maschinen, welche mehr und mehr alle anfallende Arbeit im Land Plikato verrichten, so dass die Bevölkerung es immer weniger nötig hat zu arbeiten.

Gezüchtet hat die Plikato-Birne, die das Vitamin Gamma enthält und deren regelmäßiger Verzehr das Volk in ruhige Gelassenheit versetzt, Multi Multiplikato, der uneingeschränkte Herrscher über das „auf einem fernen Breitengrad“ gelegene Land, der sich selbst als der Große Zauberer bezeichnet. Da er Maschinen für zuverlässiger hält als Menschen, wird kein Geld für Volksbildung ausgegeben.

Die Schule, die Input besucht, ist eine der wenigen, die überhaupt noch existieren, eine Baracke, in der ein einziger Lehrer den Unterricht erteilt – ohne Bezahlung, dafür mit Erinnerungen an frühere Zeiten, als er zum Direktor der Schule ernannt wurde. Vergeblich fragt sich Oliver Input, warum der Lehrer den Schülern nicht jene Grundlagen vermittelt, von denen er ständig sagt, dass sie fehlen. Als Input in der Schule eine alte Rechenmaschine vorführt, die er auf dem Müll gefunden und repariert hat, fragen seine Schulkameraden, was man damit gewinnen kann.

An dieser Stelle, also noch ziemlich am Anfang des Buches, wurde ich aufgerüttelt aus meiner Erwartungsruhe. Greift man zu einem Roman, der 1972 in der DDR erschienen ist, geht man davon aus, ideologische Angepasstheit, Kapitalismuskritik vielleicht und versteckte Systemkritik bestenfalls vorzufinden. Womit man weniger rechnet, ist Aktualität. Jener nöligen Frage aber, was man damit gewinnen kann, begegne ich heute bei vielen Jugendlichen, und nie meinen sie damit einen Gewinn an Wissen oder Zukunftschancen, immer das schnelle Geld, den Klax, um den es den Jugendlichen von Plikato im Mostonic-Zentrum geht, einer Spielhalle, benannt nach dem aus Birnen hergestellten Nationalgetränk.

Zwischen dem Mostonic-Zentrum, der kleinbürgerlichen Idylle des Elternhauses, wo der Vater das Abernten des Birnbaumes überwacht, Birnenschnaps ansetzt und die Mutter beim Einkochen der Birnenmarmelade Unmengen von Marmeladensteifmacher verbraucht, und der oben beschriebenen Schule spielt sich Oliver Inputs Leben ab. Würde er dem Lehrer nicht manchmal morgens bei der Schlangenkontrolle helfen – die Reptilien dringen durch die fehlenden Fenster und Ritzen im Fußboden in die Baracke ein, wäre Input schon an Langeweile gestorben. Kein Wunder, dass er sich eines Tages den verbotenen Zutritt zur Schulbibliothek verschafft. Diese Bibliothek ist nichts als ein wackeliger Schuppen von der Größe einer Bretterbudentoilette, und sie enthält lediglich drei Bücher. Mit einem davon verzieht sich Oliver Input in den Urwald voller Affen und Papageien. Hier hat er seine Ruhe und muss lediglich „ab und zu die Affenscheiße von den Blättern blasen“. Der Einbruch wird vom Schuldirektor entdeckt, und nicht zum ersten Mal droht er Input, dass „irgendwann etwas Entsetzliches“ mit ihm geschehen wird. Dennoch wäre das Leben wohl immer so weiter gegangen, hätte der Direktor – provoziert durch eine von Inputs despektierlichen Bemerkungen, nicht eines Tages gesagt, dass „niemals Affen zum Unterricht erscheinen“ würden, und wären die im elterlichen Garten geernteten Birnen nicht vergoren gewesen und hätten zusammen mit dem Marmeladensteifmacher einen ebenso zähen wie alkoholhaltigen Klumpen ergeben.
Mit der auf dem Kompost gelandeten Marmelade lockt Oliver Input die Affen aus dem Urwald und in die Schule. Und das Entsetzliche geschieht, d,h. Input wird entsetzt bzw. von einem Weißgekleideten aus der Hauptstadt Integral in einem silbergrauen Pfeilflügler quasi entführt. Als er wieder zu sich kommt, befindet er sich in einer Maschine. Das Erste, was ihm auffällt, ist, dass es hier nicht nach Birnen riecht, auch nicht nach Maschinenöl. Es muss eine besonders hochwertige Maschine sein. Und tatsächlich stellt sie sich ihm selbst vor als die Kybernetische Akademie.

Zum Lernen gezwungen, reagiert Oliver Input teils mit Trotz, teils mit Ausbrüchen von Gewalt, doch nach und nach findet er Gefallen und entwickelt Ehrgeiz. Als eine Etappe erreicht ist, erscheint Komplikato, der Weißgekleidete, um Input zu einem Ausflug ins Refrigeratio, das exklusivste Hotel des Landes, einzuladen, das seinem Namen alle Ehre macht. Schnell erkennt Input, dass die Weißgekleideten, die hier verkehren, sich ebenso auf dem Abstellgleis befinden wie die normalen Bürger – nur auf höherem und kühlerem Niveau. Was diese Passage des Romans unwiderstehlich macht, ist nicht nur, dass Input dem Kellner sein von zuhause mitgebrachtes Essen abluchst, saure Linsen mit Würstchen statt der überbackenen Quallen, die hier auf der Speisekarte stehen, sondern vor allem seine erste Begegnung mit Naida. Sie sitzt unter dem Tisch und zieht Input wörtlich die Schuhe aus, um ihn dazu zu bringen, zu ihr unter das Tischtuch zu kriechen, wo sie schließlich gemeinsam Erdbeeren mit Schlagsahne essen – ein Duft den Input nie mehr vergessen wird. Das ist das Feinste vom Feinen, die Königsklasse in noch ganz unschuldiger Erotik, und es ist nicht die einzige Passage dieser Art und Güte.

Man mag die Qualität eines Jugendbuches an allem Möglichen festmachen, nicht zuletzt daran, ob es moralisch nicht hier und da fragwürdig ist. Auch in dieser Hinsicht ist dem Roman nichts anzukreiden. 1972 hatten Johanna und Günter Braun einen Blick für ungute Entwicklungen hüben und drüben, haben sich aber auf kein Feindbild eingeschossen und schrieben in einer klaren Sprache, bar aller Manierismen und dennoch originell.

Input, der die beste Schulbildung genießen darf, muss feststellen, dass ihm diese nur zuteil wurde, weil Multiplikato ihn zu seinem Ziehsohn und Thronerben bestimmt hat. Nachdem er in den Regierungspalast eingezogen ist, erkennt er bald die Obsessionen und die Menschenverachtung seines „Papas“, der von einem geheimen Zimmer aus die „Weißen Blitze“ steuert, die wie aus dem Nichts in den Straßen von Integral auftauchen und diejenigen überfahren, die dem Herrscher in die Quere gekommen sind und nun ein Ehrenbegräbnis auf dem Verkehrsopferfriedhof bekommen. Wie es sich für einen solchen Roman gehört, trägt Input als Held den Sieg davon. Süßlich kitschig gerät der Schluss dennoch nicht, denn am Ende bleibt unklar, ob Naida nur ein Traum war, eine Vision. Der letzte Satz:

Wenn Sie so hartnäckig auf Ihrer Vorstellung bestehen, sagte Alcedo, wird sie wahr sein.

Ich finde es schwierig, ein Lesealter für dieses Buch, das immerhin als Jugendbuch gehandelt wurde, zu empfehlen, jedenfalls was das „Von“ angeht. Zu junge Leser würden sich vermutlich wünschen, dass die Geschichte mit Affen und Schülerstreichen weiter geht, und den tatsächlichen Fortgang eher uninteressant finden. Und was das „Bis“ betrifft: Ich habe dieses Buch sehr genossen! Bedauerlich finde ich, dass es im regulären Buchhandel nicht mehr erhältlich ist. Meines Wissens erschien die letzte Taschenbuchausgabe 1999 im Suhrkamp Verlag.

Braun_Der_Irrtum_des_Grossen_Zauberers

Johanna und Günter Braun
Der Irrtum des großen Zauberers
Verlag Neues Leben, 1972
ISBN 3100049012 / 9783100049018