Michail Petrovich Klodt:  Raskolnikov and Marmeladov, 1874

Michail Petrovich Klodt: Raskolnikov and Marmeladov, 1874

An der deutschen Übersetzung des Titels von Fjodor Dostojewskis Roman Преступление и наказание (Prestuplenie i nakazanie) in Schuld und Sühne (1866) bemängeln Sprachkenner, dass die „stark moralische Orientierung nicht die russischen Termini, die eher aus dem juristischen Sprachgebrauch stammen“ trifft. Richtiger übersetzt wäre der Titel mit Verbrechen und Strafe, was aber wiederum „den durchaus vorhandenen ethischen Gehalt der russischen Begriffe nicht ganz erfasst“. Ja, es ist schon ein Kreuz mit den Übersetzungen, von der Gerechtigkeit ganz zu schweigen. So komme ich jedes Mal ins Grübeln, wenn bei einem Gerichtsurteil nicht nur die Tat sondern auch deren nicht vom Täter beabsichtigte Folgen das Strafmaß mitbestimmen. In der Praxis geschieht das ja dauernd. Jemand der betrunken am Steuer eines Fahrzeugs erwischt wird, ist nur seinen Führerschein los. Ein Betrunkener, der einen Unfall verursacht, ist da schon schlimmer dran, und wenn dieser Unfall Menschenleben kostet, kommt es ganz dicke. Richtig so! werden die meisten denken und denke auch ich. Hier kann immerhin von „billigendem Inkaufnahmen“ die Rede sein. Aber was weiß zum Beispiel jemand, der eine Batterie klaut, über das Verhalten von Bisons? Vielleicht denkt ja so ein Batteriedieb, der einen Bison nicht von einem Wasserbüffel unterscheiden kann, der elektrische Zaun solle ihn, den Dieb, von den Rindern fernhalten, und kommt sich recht bescheiden vor, wenn er lediglich die Batterie, die den Zaun mit Strom versorgt, klaut. Und dann geschieht es, dass die ganz Herde die Gelegenheit zu einem Ausflug auf die Straße nutzt – mit unabsehbaren Folgen.

Ich muss gestehen, dass ich vorbelastet bin. Als ich etwa zehn Jahre alt war, wurde in unserer Straße der erste Neubau errichtet, ein Mehrfamilienhaus mit Klingeltafel neben der Haustür. Ganz neue Möglichkeiten für Schabernack taten sich auf. Mit einer Freundin zusammen drückte ich mehrere Klingelknöpfe, dann nahmen wir Reißaus. Wir merkten auch schnell, dass die Sache witzlos war. Was hat man von Streichen, deren Resultat man nicht beobachten kann? Dennoch wurde die Sache ruchbar, und ich musste mir Vorhaltungen anhören: Was, wenn jemand sich durch unser Klingeln erschreckt hätte und von der Leiter gefallen wäre? Mein Einspruch, dass dies ja auch passieren könnte, wenn der Briefträger klingelt oder eine Nachbarin, die sich eine Tasse Mehl borgen möchte, dass Klingeln dann ja grundsätzlich gefährlich und zu unterlassen sei, wurde mir, mein Vergehen erschwerend, als mangelnde Einsicht und Reue ausgelegt. – Ich erzähle dies nur, um zu erklären, warum es mich jedes Mal ins Grübeln bringt, wenn schuldhaftes Verhalten so unterschiedlich bestraft wird – je nachdem, ob es zwar bekannt wird aber folgenlos bleibt, oder ein mehr oder weniger großes Unglück nach sich zieht.

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