Spuren von Brezeln auf einem Backpapier

Wenn mich gestern früh jemand auf meinem Weg vom S-Bahnhof zum Personaleingang der Akademie beobachtet hätte, würde er sich über das seltsame Ballett gewundert haben, das ich da aufführte. Es war sehr windig, und ich trug etwas in der Hand bzw. hielt es zwischen zwei Fingern an den Kanten, das vom Wind heftig attackiert wurde: ein großes Stück fettiges Backpapier.

Jeden Morgen hole ich mir am Bahnhofskiosk einen großen Cappuccino, und während ich gestern darauf wartete, dass der Verkäufer mir den Becher reichte, schaute ich völlig fasziniert auf ein Backblech, von dem gerade die Brezeln aus Pfannkuchenteig abgeräumt worden waren. Das Backpapier lag noch auf dem Blech, und darauf hatte jede Brezel ihren Abdruck hinterlassen. Das würde ich mir am liebsten gerahmt an die Wand hängen, dachte ich und bat den überraschten Mann, mir das Papier zu geben. Und dann kam der Kampf mit dem Wind, den ich übrigens gewonnen habe. Der Kunstverliebte Mensch scheut sich bisweilen nicht, sich einer gewissen Lächerlichkeit preiszugeben.

Nun mag man natürlich bestreiten, dass solche Handlungsspuren überhaupt Kunst sind. Sie wären es zweifellos, wenn ein Künstler mit dem Ziel, eben diese Abdrücke auf Backpapier zu erzeugen, Teig geknetet, Brezeln geformt, angeordnet und gebacken hätte. Der Mann im Bahnhofskiosk hält sich wohl eher nicht für einen Künstler. Er muss morgens früh raus, Baguettes belegen, Croissants backen, eilige Kunden bedienen… Er handelt. Sind die Spuren seines Handelns Kunst? Werden sie zur Kunst, indem ich sie rahmen lasse? – Das alles ist sehr zweifelhaft. Aber es ist schön. Ich mag Handlungsspuren. Am liebsten mag ich sie im Original – also nicht abgemalt, abgezeichnet, abfotografiert, obwohl manche Handlungsspuren sich nur so „konservieren“ lassen. Ich bevorzuge ein Stück Pappe, auf dem ein Autoreifen seine Spur hinterlassen hat, einen Bohrkern, der untersucht wurde und nun nicht mehr benötigt wird, Schneidebretter, die sich vom Gebrauch dunkel verfärbt haben und unzählige Messerspuren aufweisen, Bücher mit Eselsohren, Kaffeeflecken, geklebten Seiten… Ich mag sie umso mehr, je weniger diese Spuren von mir selbst stammen, denn paradoxerweise gehöre ich zu den Menschen, die gerne spurlos bleiben – jedenfalls was das Alltäglich angeht. Ich schüttele im Hotelzimmer mein Bett auf, wische im Restaurant meine Brotkrümel von der Tischdecke, ärgere mich, wenn ich ein Buch bekleckere, und bin noch nie auf die Idee gekommen, in meiner eigenen Küche ein Backpapier mit Spuren nicht einfach wegzuwerfen. Wie das zusammenpasst, habe ich mich oft gefragt, ohne eine Antwort gefunden zu haben. Vielleicht gehören diese beiden Macken ja zusammen wie Stecker und Steckdose.

Das Backpapier liegt jetzt in meinem Büro – mit einem Zettel darauf für das Putzkommando: Bitte nicht berühren und auf keinen Fall wegwerfen! Sobald unsere Papierrestauratorin etwas Zeit erübrigen kann, werde ich mit ihr beratschlagen, wie man es am besten rahmt und abdichtet, damit das fettige Papier das Glas nicht berührt, das Fett sich nicht in die Rückwand saugt, und das Ganze sich nicht irgendwann in ein Terrarium voller Ungeziefer verwandelt.

Von der Zusendung benutzter Servietten, Zeitungspapier, in das Heringe eingewickelt waren, geknickter Getränkedosen und ähnlichem bitte ich abzusehen. Zu meinem Faible für Handlungsspuren gehört nämlich auch, dass ich sie selbst finden muss.

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