Von dem Roman, bei dessen Lektüre ich mehrmals dachte, dass es ein Wunder wäre, keine Alpträume davon zu bekommen, zu dem Roman, der mir beim Lesen zunächst den Eindruck vermittelte, der Autor erzähle einen Alptraum.

Jonas-Philipp Dallmann: Notschek

Bei Jonas-Philipp Dallmanns im Herbst 2011 erschienenen Roman „Notschek“ handle es sich um eine „rückblickende, augenzwinkernde Dystopie über Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts“, las ich aus der Feder von Franz Birkenhauer im sf magazin, und las es glücklicherweise erst im Nachhinein. Nicht immer ist es gut, durch Rezensionen für die Lektüre eines Buches quasi gewappnet zu sein. Jenes Augenzwinkern, das Birkenhauer festgestellt zu haben behauptet, entging mir doch vollkommen – und dies nicht nur anfangs, sondern bis zur letzten Seite. Nirgends sah ich ein Augenzwinkern, das mir das Bedrückende genommen hätte. Und von Bedrückung kann man wohl mit Fug und Recht sprechen, wenn man sich folgende Situation vergegenwärtigt:

Die Handlung

Der Ich-Erzähler, ein Kleinbürger der mit seiner Frau Maria in einem Vorstadthaus lebt, nimmt eines Tages einen Bekannten auf, der vorübergehend eine Bleibe sucht, bis sich etwas Geeignetes, in jedem Falle Besseres fände, denn Notschek – so der Name dieses Bekannten – „installiert“ sich in der Mansarde, die im Grunde dringend der Renovierung bedarf. Schon die Formulierung „sich installieren“ lässt ahnen, dass Notscheks Aufenthalt länger andauern wird, als der Hausherr und seine Frau es erwartet haben. Obwohl er einerseits kaum eine Gelegenheit auslässt, auf die Unzulänglichkeit seiner Unterbringung hinzuweisen, macht er keine Anstalten, diese wieder zu verlassen. Bald schon empfängt er hier zu ungewöhnlicher Stunde Besucher, die keinen vertrauenerweckenden Eindruck machen. Auch erhält er viel Post und abonnierte Zeitungen, ergeht sich in düsteren Andeutungen über die politische Entwicklung, macht sich im Haus breit und erscheint sogar nächtens im Schlafzimmer des Ehepaares, um die Lage zu erörtern. Dennoch bringt es der Ich-Erzähler nicht über sich, Notschek vor die Tür zu setzen, fühlt sich als Gastgeber verpflichtet, beklagt sich zwar, Notschek sei ein anstrengender Mensch und ein Schwätzer, lässt ihn aber gewähren. Und als ohne erkennbaren Anlass die von Notschek prophezeiten Ereignisse (Lebensmittelrationierung, ein schweigender Strom von Flüchtlingen auf der nächtlichen Straße, schließlich die Ausgangssperre) eintreten und Formen annehmen, die nur dem Gehirn eines Wahnsinnigen entsprungen sein können –- so dauert die Ausgangssperre von 3 Uhr morgens bis 23 Uhr abends, war für mich klar: Dies kann nur ein Alptraum sein. Irgendwann wird der Erzähler aufwachen und erleichtert feststellen, dass jener Notschek nie in seine Mansarde gezogen ist, und er selbst in seinem Haus kommen und gehen darf, wie es ihm beliebt. Aber es gibt kein Erwachen. Mit letzter Hoffnung klammerte ich mich an die Möglichkeit einer Intrige, ersonnen von Notschek, um sich an die Gattin des Hausherrn heranzumachen, mit der er den „Fruchtertrag“ des Gartens einweckt und dabei eine Effizienz an den Tag legt, die man ihm nicht zugetraut hätte, jene Maria, die seine Wäsche zeichnet und in den „Erbschränken“ unterbringt, und mit der er lacht, ohne dass der Hausherr weiß, worüber. Doch auch hierin wurde ich enttäuscht. Als wären die drei Personen in einer Zeitschleife hängen geblieben, ziehen sich die Tage und bringen kaum Ereignisse, die diesen Namen verdienen, bis plötzlich Notschek eine unabweisbare Notwendigkeit sieht, seinen Freund Tomek in der Oststadt aufzusuchen. Wie bei Schiffbrüchigen in einem Rettungsboot, scheint auch dieses Vorhaben ein zwangsläufig gemeinsames zu sein. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, der ein umständlicher Schleichweg sein muss, denn die Entfernung macht einen Verstoß gegen die Ausgangssperre unvermeidlich. Staunend entdecken sie, dass während des Bestehens der Notstandgesetze Prachtstraßen und neue Gebäude entstanden sind, doch alles liegt wie ausgestorben, und betrachtet man das Neue genauer, so zeigt es bereits die Spuren von Verwahrlosung und Verfall. Dies gilt auch für den Wohnblock, in dem Tomek lebt – wenn man diese Form der Kasernierung denn Leben nennen kann. An diesem Punkt gab ich beim Lesen alle Hoffnung auf Besserung auf, wollte nur noch an ein mir vom Autor zugestandenes Ende kommen. Ganz ähnlich ergeht es wohl dem Ich-Erzähler, als er sich widerstandlos in seine „Umlegung“ fügt und in den „Schreibblock“ führen lässt. Und mit jenem Übergang in die Welt der Schreibtischtäter schließt der Roman.

Der Stil:

Jonas-Philipp Dallmann hat ganz zweifellos einen bemerkenswerten Erstlings-Roman geliefert, der in Stil und Konstruktion die Hohe Schule erkennen lässt, aber auch die geduldige Arbeit beim Erobern eines nirgends definierten Raumes und einer fiktiven Zeit. Die Handlung könnte ebenso in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts spielen, wie in der Zukunft, die Stadt könnte jede größere Stadt sein. Anspielungen auf die totalitären Systeme der Vergangenheit sind ebenso unübersehbar, wie die von solchen Systemen ausgehende Bedrohung eindeutig nicht der Geschichte zugeordnet wird, sondern menschlich, zeitlos und somit wiederholbar bleibt. Dallmann erzählt fast ausschließlich in indirekter Rede und tut dies sehr gekonnt. Das Beharrliche Wiederauftauchen von Wörtern wie „Erbschränke“ und „Fruchtertrag“, die sich zum Text wie sperrige Möbel zu einem Reihenhaus verhalten, verdichtet die beklemmende Atmosphäre in diesem Kabinettstück für drei Personen. Da muss auch der Leser durch die eine oder andere quälende Länge hindurch, muss in sich selbst den Wunsch spüren, aufzuschreien, die Unfähigkeit dazu, die Ergebenheit ins Weiterlesen. Das ist man Orson Welles, das ist man Franz Kafka, das ist man allen schuldig, die einem beim Lesen einfallen. Und nicht zuletzt ist man es Jonas-Philipp Dallmann schuldig. Man fühlt sich nach dem Lesen der letzten Seite wie noch einmal davongekommen, setzt sich hin und schreibt vielleicht – froh, dass einem keiner diktiert, und dass man nicht abschreiben muss – nicht mal bei Franz Birkenhauer, der ein Augenzwinkern bemerkt hat, das einem entgangen ist.

Cover

Jonas-Philipp Dallmann
Notschek
Luftschacht Verlag, Wien (2011)
ISBN: 978-3-902373-92-2