Was möchtest du zuerst hören, die gute oder die schlechte Nachricht?
Auf diese Frage antworten die meisten Menschen: Die schlechte Nachricht.
Steckt in uns zeitlebens das brave Kind, das gelernt hat, den süßen Nachtisch gibt es erst zum Schluss? Oder sind wir doch erwachsen und wissen gerade deshalb, dass auch der härteste Realist ein gewisses Trostbedürfnis hat, vorweggenommener Trost aber weniger bis keine Wirkung zeigt, macht doch die schlechte Nachricht alle Freude über die gute zunichte?

Ich habe gerade zwei Bücher gelesen, bei denen mir, sollte ich ihnen einen einzigen Begriff zuordnen, spontan nur „Alptraum“ einfällt. Das eine Buch hat ein Happyend, das andere nicht, aber ich schreibe hier nicht für Leser, für die dies ein entscheidendes Kriterium ist. Bezogen auf das eingangs Gesagte: Ich beginne mit dem Buch mit Happyend, aber nicht, weil es dem ohne Happyend vorzuziehen wäre.

Carlos Ruiz Zafón: Der dunkle Wächter

Bereits 1995 schrieb Zafón diesen Roman als Jugendbuch und bediente damit eine besonders bei jungen Lesern deutlich zu verzeichnende Vorliebe für Fantasy-Literatur. Besonders junge Menschen (aber nicht nur sie) haben ein Bedürfnis nach Romantik, für die in einer schnelllebigen Zeit und ständig heraufbeschworenen Krisenstimmung wenig Platz in der Realität bleibt. Eine moderne Hedwig Courths-Mahler, die Legionen von Dienstmädchen in ihrem bescheidenen Kämmerlein vom plötzlich auftauchenden Prinzen träumen ließ, hätte heute wohl kaum eine Chance, auf einer Bestsellerliste zu landen. Heutige Romantiker sind Realisten und bekennen sich deshalb zum Märchen. Und aus der großen Märchenkiste bedient Carlos Ruiz Zafón sich denn auch in „Der dunkle Wächter“, das 2009 in deutscher Sprache erschien und hier nicht ausdrücklich als Jugendroman vermarktet und deshalb auch nicht nur von Jugendlichen gelesen wurde und wird.

Die Handlung

1937 zieht die kürzlich verwitwete Simone Sauvelle mit ihren beiden Kindern von Paris an die Küste der Normandie, denn sie hat eine Stelle als Hauswirtschafterin bei dem Spielzeugfabrikanten Lazarus Jann angenommen. Zunächst erscheint das wie ein Glücksfall für die Sauvelles. Lazarus Jann überlässt ihnen als Wohnung ein Haus direkt am Meer mit Blick auf den verlassenen Leuchtturm und übernimmt das Schulgeld für die fünfzehnjährige Irene und ihren etwas jüngeren Bruder Dorian. Simone Sauvelle gegenüber erweist er sich als angenehmer Arbeitgeber, ja, als Freund. Unangenehm ist lediglich, dass die Sauvelles einen recht unheimlichen Wald durchqueren müssen, um nach Cravenmoore, dem schlossartigen Anwesen des Spielzeugfabrikanten zu gelangen – unheimlich auch deshalb, weil sich hier einige seiner Erfindungen, wie zum Beispiel mechanisch Vögel, herumtreiben. Diese fantastischen Spielzeuge bevölkern auch das riesige, verwinkelte Haus mit seinen Türmchen und Wasserspeiern und machen es nicht unbedingt zu einem anheimelnden Ort. Außerdem verbietet Lazarus seiner neuen Angestellten zu einigen Räumen des Hauses den Zutritt. Hier pflegt er allein seine angeblich seit zwanzig Jahren an einer schweren Krankheit leidende Frau.

Das Mädchen Irene freundet sich schnell mit der gleichaltrigen Hannah an, die bei Lazarus Jann als Hausmädchen dient, und verliebt sich in deren etwas älteren Cousin Ismael. Dieser lebt seit dem Tod seiner Eltern im Haushalt des Onkels, hilft ihm auf dessen Fischkutter und verbringt jede freie Minute auf einem selbstgebauten Segelboot, bis er Irene begegnet. Die Idylle findet ein jähes Ende, als Hannah eines Nachts auf unerklärliche Weise ums Leben kommt. Alles spricht dafür, dass sie in panischer Angst vor etwas auf der Flucht durch den finsteren Wald gerannt und an einem Herzschlag gestorben ist. Ismael und Irene machen sich daran, den wahren Grund für Hannahs Tod herauszufinden, und in der Folge geraten die Sauvelles und der junge Mann in den unaufhaltsamen Sog haarsträubenden Entdeckungen und Ereignisse. Ständig bedroht sie ein Schatten, den Hannah in ihrer Unwissenheit und Neugier aus einem Kristallflakon befreit hatte, und der nun als ungreifbare Finsternis, aber auch, indem er sich der zahlreichen Automaten in Gestalt oft lebensgroßer Figuren bedient, die Sauvelles und Ismael verfolgt, um sie zu vernichten.

Es lässt sich nicht verleugnen, dass Carlos Ruiz Zafón sich mit der Idee der Verselbstständigung des Schattens kräftig bei Hans Christian Andersen bedient hat: ein dunkler Doppelgänger, der seinem Herrn nicht folgen will und sich sogar gegen diesen selbst wendet. Schließlich bleibt Lazarus nur der Freitod, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Cravenmoore vergeht in einer Feuersbrunst, die an Daphne du Mauriers „Rebecca“ denken lässt, und vieles mehr erinnert den aufmerksamen Leser an andere Schriftsteller und Werke der Literatur.

Wie von einer Klammer gehalten wird die ganze Geschichte von zwei Briefen: Zu Beginn ist es ein Brief von Ismael an Irene, datiert zehn Jahre nach diesen Ereignissen. Wohl hundert Briefe hat er ihr geschrieben, ohne je eine Antwort zu bekommen. Der Leser aber nimmt nun die Gewissheit mit auf den Weg, dass die jungen Leute alle Gefahren überleben werden. Am Ende ist es ein Brief von Irene an Ismael. Seine Briefe sind ihr endlich an eine neue Adresse nachgeschickt worden. Auch sie hat Ismael nie vergessen und kündigt nun ihre Rückkehr in die Normandie an.

Der Stil:

Die Verwendung von Literaturzitaten ist nicht grundsätzlich zu verwerfen. Sie können – ganz im Gegenteil – einen Roman sehr bereichern und eine tiefe Referenz vor einem verehrten Original darstellen. Zafóns Umgang damit erscheint mir aber sehr eigenmächtig, wie ein Raubzug durch die Klassiker der Gruselliteratur mit dem Vorsatz, jeweils noch eins draufzusetzen: noch gruseliger, noch detailverliebter. Und wo diese Detailverliebtheit bei der Beschreibung von Lazarus Janns Automaten noch hingehen mag, da wird sie bei den Naturbildern schier unerträglich. Sonnenauf- und -untergänge, die Form von Nebelschwaden, die Finsternis des Waldes, die Farben des Wassers… Hier zeigt sich (für mich) ein wahres Übel beim Schreiben, ein Mangel an Vertrauen in die Kraft des Wortes und die Fantasie des Lesers. Hier vergehen mir alle Romantik und alles Gruseln, denn meine eigene Fantasie wird erstickt von einer Flut von Bildern und Metaphern.

Das Gute daran:

Man kann das Buch aus der Hand legen (wenn auch zu arg vorgerückter Stunde, weil man sich solche Geschichten zwanghaft reinziehen muss wie Kartoffelchips oder billige Pralinen – immer in der Hoffnung, doch noch so etwas wie Befriedigung zu finden), das Licht ausknipsen und bestens schlafen. Es bleibt nach dem Lesen nichts, was die eigene Fantasie noch aufzuarbeiten hätte.

Cover

Carlos Ruiz Zafón
Der dunkle Wächter
Fischer, Frankfurt (Taschenbuchausgabe 7. November 2011)
ISBN-10: 3596193028
ISBN-13: 978-3596193028

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