Was dieses Buch für mich so besonders interessant machte, war nicht nur der Umstand, dass es ein Thema behandelt, das mir sehr am Herzen liegt -– die Bildungspolitik und ihre Umsetzung, sondern auch dass der Autor Jahrgang 1983 ist, also genau zur selben Zeit die Schule besuchte, wie meine Jüngste -– mit dem kleinen Unterschied: Er tat es in Kreuzberg, meine Tochter in Tempelhof. Dass der Unterschied so klein dann doch nicht war, beweisen Bauers Recherchen sehr persönlicher Natur und dennoch von öffentlichem Interesse.

Eines Morgens traf Patrick Bauer beim Joggen auf dem Kreuzberg einen ehemaligen Klassenkameraden aus der Grundschulzeit: Ahmed. Ahmed allerdings joggte nicht, sondern vertickte Drogen. Das erschütterte den jungen Journalisten (ehemals Tagesspiegel, taz und das ARD-Magazin Polylux, seit 2006 Redakteur bei NEON) ausreichend, um sich zu fragen, was denn aus seinen anderen Klassenkameraden inzwischen geworden war. Er machte sich auf die Suche nach ihnen und stellte fest, dass nur wenige es, wie er selbst, „“geschafft“ hatten“ zu dem Beruf, der ihnen gefiel, oder wenigstens ein Ziel vor Augen hatten, für das es sich lohnte, sich anzustrengen.

Patrick Bauer erinnert sich gerne an seine Grundschulzeit. Multi-Kulti schien an der Blücher-Schule in Kreuzberg zu funktionieren. Auch die Lehrer erinnern sich gerne an die Zeit vor 20 Jahren. Inzwischen werden die Klassen nach lernschwachen und lernstarken Schülern geteilt. In welche Klassen die NdH-Kinder (nicht deutscher Herkunftssprache) und die Kinder aus bildungsfernen deutschen Familien gehen, und in welche die Schüler aus Akademikerfamilien, ist nicht schwer zu erraten. Aber die Neuzugezogenen, von denen die wenigsten gebürtige Berliner sind, haben sich zwar für das zum Szene-Bezirk avancierte Kreuzberg als Wohnort entschieden, möchten hier aber ihre Kinder, wenn sie überhaupt Kinder haben, nicht zur Schule schicken, sondern bevorzugen Privatschulen, wenn sie keinen Platz an einer der vier Kreuzberger Vorzeigeschulen (mit einem sehr geringen Anteil an NdH-Kindern) bekommen. Das verschlechtert den Klassendurchschnitt an den anderen Schulen und bedeutet, dass von Chancengleichheit für die Kinder, die diese Schulen besuchen, gar keine Rede sein kann, eher vom Gegenteil: Chancenlosigkeit.

Ein ehemaliger Lehrer von Patrick Bauer bringt auf den Punkt, was getan werden muss, damit alle Schüler eine Chance haben: Man muss mehr Geld ausgeben, die Vorschule (Inzwischen abgeschafft. – Schönen Dank, Herr Wowereit!) früher beginnen lassen, die Klassen verkleinern, die Betreuung nach Unterrichtsende ausbauen, die Lehrer fortbilden, Sozialpädagogen anstellen, die Abschlüsse arabischer Erzieherinnen anerkennen, mehr Lehrer mit Migrationshintergrund anstellen. „Und man muss den Beruf des Grundschullehrers aufwerten.“ – „Das Problem ist, dass wir an der Grundschule die Unterschiede nicht aufholen können. Wer mit Defiziten eingeschult wird, verlässt auch mit großen Defiziten die Grundschule.“

Erwähnen möchte ich noch, dass man beim Lesen nur deshalb nicht in eine tiefe Depression fällt, weil Patrick Bauer locker erzählt, oft heiter. Die Dankbarkeit dafür, in dieser bunten Völkermischung aufgewachsen zu sein, durchzieht das ganze Buch und erklärt den toleranten Blick des Autors auf andere Lebensentwürfe und Sichtweisen. Viele lebendige Bilder entstehen. Eines, das mich sehr berührt hat, ist das von Murat und Elin, die beide am Flughafen Schönefeld arbeiten (erstaunlicherweise, ohne voneinander zu wissen). Elin hat es zu einer Anstellung beim uniformierten Bodenpersonal einer Fluggesellschaft gebracht. Murat lädt Koffer aus und ein.

Murat und Elin arbeiten im Transitbereich. An einem Ort zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Heimaten. Für Elin ist der Flughafen ein Ort, an dem sie bleiben will, am Rande eines Landes, in dem sie heimisch sein will. Für Murat ist der Flughafen ein Ort, von dem er wegfliegen will, am Rande eines Landes, von dem er nichts mehr erwartet.

Murat ist hier so nahe an der Türkei, wie es ihm möglich ist. Elin ist hier so weit weg von der Türkei, wie es ihr möglich ist.

Noch während seiner Recherchen war Patrick Bauer, der inzwischen in Berlin-Neukölln (noch schlimmer!) wohnte, entschlossen, hier zu bleiben und seine Kinder, sollte er sie je haben, hier zur Schule zu schicken. Inzwischen ist er Vater eines Sohnes und denkt manchmal, dass er seinen Sohn nicht opfern möchte. Und dann erschrickt er vor sich selbst und vor der Gesellschaft, in der wir leben.

Ich würde dieses Buch gerne ganz oben auf der Bestsellerliste der Sachbücher sehen. Jeder sollte es lesen, denn es geht jeden etwas an.

Cover

Patrick Bauer
Die Parallelklasse
Ahmed, ich und die anderen – Die Lüge von der Chancengleichheit
Luchterhand, München 2011
ISBN: 978-3-630-87368-8

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