Während der Ohrenkneifer zu den Fluginsekten gehört und seine Zangen keineswegs dazu gebraucht, uns in die Ohren zu kneifen, sondern für die Jagd auf kleinere Insekten, neigen Ohrclips durchaus dazu uns Frauen zu kneifen, und wenn sie es nicht tun, beweisen sie ihre überraschende Flugtauglichkeit oft schon beim ersten Kopfschütteln und gehen verloren. Noch heute, wenn ich vor dem Schaufenster eines Modeschmucklädchens stehe und mein Blick auf Ohrclips fällt, kommt es vor, dass ich mir reflexartig ans Ohrläppchen greife -– nicht um zu kontrollieren, ob mir ein Schmuckstück abhanden gekommen ist, sondern um mich zu vergewissern, dass die schmerzhaften Knubbel, die das Tragen von Ohrclips mir regelmäßig eintrug, auch wirklich nicht mehr zu fühlen sind. Sie sind es nicht, und das sollte nach über 30 ohrclipfreien Jahren wohl auch so sein. Dass Ohrclips mich dennoch bis heute kneifen, liegt an der Ohrclipsammlung meines Cousins.

Mein Cousin war das, was man heute gerne einen Womanizer nennt. Damals sagte man Schürzenjäger, nur sammelte er eben keine Schürzen, sondern Ohrclips und das im flotten Tempo seiner wechselnden Affären. Ich habe keine Ahnung, ob es sich bei den Clips um geschenkte Souvenirs handelte oder um Diebesgut, im günstigsten Moment vom Läppchen gepflückt. Vermutlich traf beides zu. Die Sammlung wurde „aufgelöst“, als er sich schließlich doch anschickte zu heiraten. Die Auflösung besorgten meine Cousine und ich. Wir –- beide noch kleine Mädchen zu der Zeit –- teilten uns den Inhalt der gut gefüllten Zigarrenkiste, während die Verlobte meines Cousins höchstzufrieden im Sessel saß und mit einer Schere die gesammelten Fotos zerstückelte. Ich wähle dieses Wort bewusst, denn ein Portiönchen Sadismus war sehr wohl im Spiel. Gnadenlos sind fast alle Frauen, wenn es um Rivalinnen geht, selbst wenn es verflossene sind, an denen kein blondes, schwarzes, rotes oder gar gutes Haar gelassen werden darf.

Rückblickend würde ich sagen, dass im damaligen Moment ich viel zu sehr damit beschäftigt war, von meiner Cousine bei der Aufteilung der Ohrclips nicht übervorteilt zu werden, um mit den Damen auf den Fotos sonderliches Mitleid zu haben. Erst in späteren Jahren tauchte die Szene immer wieder in meiner Erinnerung auf. Überdeutlich sah ich nicht nur die Ohrclips, von denen ich viele bis heute genau beschreiben könnte, sondern auch, wie die Schere durch Augen, Nasen und Lippen schnitt. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass diese Erinnerung nachhaltig bewirkte, in jedem Mann erst mal einen eiskalten Trophäenjäger zu vermuten.

Bevor mich empörte Leserbriefe erreichen: Ich weiß natürlich, dass nicht alle Männer den Ehrgeiz meines Cousins entwickeln, für den eine Affäre vermutlich in dem Moment ihren Reiz verlor, in dem er Clip und Foto ergattert hatte. Und selbst die fleißigen Trophäensammler besitzen nicht unbedingt die Indiskretion, ihre Verflossenen von der vorläufig Endgültigen symbolisch dahinmetzeln zu lassen. Ich weiß aber auch, dass es selbst nach Jahrzehnten gesellschaftlicher Arbeit an der Gleichberechtigung noch ein paar Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Einer davon ist die amouröse Buchführung. Während viele Männer vergangene Liebschaften auf der Habenseite ihrer Biografie verbuchen, ist eine vergangene Liebe für fast jede Frau ein Verlustgeschäft. Kaum eine käme doch auf die Idee, sich mit einer möglichst langen Liste ehemaliger Liebhaber irgendwo zu brüsten. Ausnahmen bestätigen in diesem Fall die Regel und sind nicht repräsentativ.

An dieser Ungerechtigkeit trägt die Liebe als solche keine Schuld. Sie gehört dem der liebt, solange er liebt. Liebt er nicht mehr, wird sie zur Theorie, und theoretisch kann man nicht lieben. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man aus der Liebe nichts lernt, egal wie oft man sie ausprobiert hat, und warum manche und mancher immer wieder „„dieselben Fehler machen““. Ich apostrophiere das, denn theoretisch kann, was in einem Fall ein Fehler ist, in einem anderen genau richtig sein. Wie gesagt, theoretisch. Und über Theorien wissen wir alle, dass sie beschreiben, was sein könnte aber nicht ist. So verbuchen also auch Männer auf der Habenseite ihrer amourösen Buchführung nicht Liebe, sondern… ja, Ohrclips zum Beispiel. Um einen gerechten Ausgleich zu schaffen, müssten wir Frauen nur auch etwas sammeln und dazu noch gerne vorzeigen. Aber wollen wir das wirklich? – Ich bin nicht sicher. Sicher bin ich nur, dass ich nicht möchte, dass Männer Ohrclips tragen, um uns zur ausgleichenden Gerechtigkeit zu verhelfen.

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