VIII. Teil –- Die Moral

Bereits Anfang Dezember 2010 äußerte sich Ralph Jentsch, der Nachlassverwalter des Malers George Grosz, der sich in dieser Eigenschaft auch intensiv mit Flechtheim beschäftigt haben muss, der aber auch ein Auktionshaus in Gütersloh betreibt, in einem SPIEGEL-Interview zu den Folgen des Skandals für den Kunsthandel: „Alle Schwachstellen müssen analysiert werden. Ich weiß, dass Christie’s als Konsequenz aus dem Fall Beltracchi ab sofort von allen eingelieferten Bildern auch die Rückseite fotografiert. Künftig wird auf Provenienzforschung viel mehr Wert gelegt werden. Bei wertvollen Bildern müssen die Besitzerverhältnisse genau dokumentiert werden.“ Auf die Frage, ob das Vertrauen in den Kunsthandel beschädigt sei, sagte er: „Vielleicht momentan, aber im Kunsthandel wächst schnell Gras über Skandale. Die Sammler wollen kaufen, die Auktionshäuser wollen leben. The show must go on.“

Was man Wolfgang Beltracchi in jedem Fall zugutehalten muss, ist, dass er mit seinem Betrug einen weit größeren, wenn auch legalen Betrug und Selbstbetrug entlarvt hat: diese Absurdität, die sich Kunstmarkt nennt, wo nicht die ästhetische Qualität eines Gemäldes über seinen Preis entscheidet, sondern der Kurs, zu dem ein berühmter Künstler gerade gehandelt wird.

Eine knappe Woche vor der Urteilsverkündung im Beltracchi-Prozess war im Londoner Auktionshaus Christie´s eines von Gerhard Richters Bildern aus der Serie „Kerze“ unter den Hammer gekommen. Als Gerhard Richter erfuhr, dass das Bild bei der Versteigerung gut 12 Millionen Euro gebracht hatte, sagte er: „Das ist genauso absurd wie die Bankenkrise – unverständlich, albern, unangenehm.“ Richters Kerzen sind wunderschön, und ich hätte nichts dagegen, wenn eine davon in meinem Wohnzimmer hinge. Ich hätte übrigens auch nichts dagegen eine gute gemalte Kopie davon bei mir hängen zu haben. Ich würde allerdings nicht betrogen werden wollen, aber ein Bild „frei nach Gerhard Richter“, gezeichnet vom Kopisten, der dann kein Fälscher wäre, warum nicht? Was spricht dagegen?

Nicht zu befürchten ist, glaube ich, dass der „Fall Beltracchi“ nun ein Heer von „Trittbrettfahrern“ heraufbeschwören wird. Das liegt nicht zuletzt an den Kunstschulen, die die technische Seite des Malens oft nur noch in mehrtätigen Workshops vermitteln. Der Schwerpunkt des Unterrichts liegt auf dem Konzeptionellen und Kunsthistorischen, auf theoretischem Wissen über Kunst. Und so kommt es, dass heute viele Künstler krampfhaft versuchen, Ideen zu entwickeln, die noch niemand vor ihnen hatte, und sei es der größte Schwachsinn, der mit Recht noch niemandem eingefallen ist, aber selbst bei guten Ideen die Ausführung oftmals schlampig ist. Könner wie Wolfgang Beltracchi sind selten.

Advertisements