VII. Teil -– Der Prozess

Im Mai 2010 zahlt ein unbekannter Bieter bei Christie’s in New York umgerechnet 81 Millionen Euro für einen Picasso-Akt. Es ist das zweite Mal, dass über 100 Millionen Dollar für ein einzelnes Kunstwerk erzielt werden. Der Kunstmarkt, von jeher ein Gewerbe, in dem Schwarzgeld zirkuliert und Käufer anonym bleiben wollen, ist „heiߓ. Daraus ziehen Fälscher ihre Vorteile, und bei den Käufern steigert es die Nervosität.
Eine auf Malta ansässige Firma, die über das Kunsthaus Lempertz einen falschen Campendonk erworben hatte, beauftragt die Berliner Anwältin Brühl mit der Rückabwicklung des Verkaufs. Da das Kunsthaus sich darauf beruft, dass der Sohn Campendonks das Bild mündlich für authentisch erklärt habe, erstattet die Anwältin im Juni 2010 Strafanzeige. Beamte des Berliner Landeskriminalamts (LKA), Kommissariat 454 für Kunstdelikte, machen sich an die Arbeit. Innerhalb weniger Tage wissen sie: Werner Jägers war zwar Unternehmer gewesen, Kunstsammler aber nie. Am 25. August reichen die Verdachtsmomente für eine Durchsuchung mehrerer Wohnungen. Noch erfolgreicher ist die ebenfalls genehmigte Telefonüberwachung. Helene Beltracchis Schwester erhält in Frankreich einen Anruf ihres Sohnes aus Köln, der ihr mitteilt, dass gerade acht Bullen mit Durchsuchungsbeschluss dagewesen seien. Er habe den Beamten nichts davon gesagt, dass sie, die Mutter, Bilder zur Kunsthandlung Lempertz gebracht habe, versichert er ihr. Nun ruft Wolfgang Beltracchi seinen Sohn an und bittet ihn, schnellstens einen Laptop verschwinden zu lassen. Für die Ermittler ist dies das Signal, mit dem Zugriff nicht länger zu warten. Am Abend des 27. August werden Wolfgang und Helene Beltracchi in der Nähe ihrer Wohnung festgenommen. Der Staatsanwalt ordnet Untersuchungshaft an. Tatverdacht: banden- und gewerbsmäßiger Betrug. Ermittelt wird auch gegen Helene Beltracchis Schwester, die Mutter der beiden Schwestern und einen Krefelder Kunstverkäufer mit dem Vornamen Otto.

Spätesten am 5. Oktober 2010 – nach der Einvernehmung des Max-Ernst-Experten Werner Spies – wird den Fahndern des LKA klar, dass sie nicht nur einen der größten deutschen, sondern auch der internationalen Kunstskandale aufdecken. Über Monate erfährt die Öffentlichkeit von dem Ausmaß des Betrugs und kann nur den Kopf schütteln – weniger über die Betrüger, als über eine Kunstszene, die – den Eindruck könnte man bekommen – betrogen werden will.

Als am Donnerstag der vergangenen Woche (27.10.2011) im Kölner Landgericht nach nur neun Verhandlungstagen das Urteil verkündet wird, ist niemand überrascht darüber, dass das Strafmaß unter der zur erwartenden Höchststrafe liegt. Der Maler Wolfgang Beltracchi (60) wird zu sechs Jahren Haft verurteilt, seine Frau Helene (53) zu vier Jahren, deren Schwester Jeanette zu einem Jahr und neun Monate auf Bewährung, Otto Schulte-Kellinghaus (67) zu fünf Jahren. Der erwartete lange Prozess bleibt den Beteiligten erspart, und von den 168 benannten Zeugen muss kein einziger gehört werden, denn Anklage und Verteidigung haben sich auf einen Deal geeinigt. Im Gegenzug für umfassende Geständnisse sollen Beltracchi und seine Komplizen milde Strafen erhalten.

Auf der Strecke bleibt wieder einmal die Wahrheit, denn die Anklage hat sich nur auf 14 Bilder gestützt. Die Ermittler und der Kunstexperte Ralph Jentsch gehen von 100 bis 200 Fälschungen aus, die Beltracchi produzierte und seine Helfer auf den Markt brachten. Aber will das so genau wirklich jemand wissen? Immer wieder (auch während der Gerichtsverhandlung) entstand der Eindruck, dass Beltracchi – von den Geschädigten einmal abgesehen – alle auf seiner Seite hatte. In seinem Schlusswort bedankte er sich bei den Prozessbeteiligten dafür, „dass alles so fair und locker war, und dass Sie so oft gelächelt haben.“ Drei Jahre lang wird er wohl Gefängniswärter und Mithäftlinge porträtieren können, bevor er wegen guter Führung aus der Haft entlassen wird.

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