IV. Teil –- Die Legende

Werner Jägers, 1912 in Belgien geboren, war viermal verheiratet, Helene Beltracchi ist seine Enkelin aus erster Ehe. Jägers war Unternehmer und verdiente sein Geld hauptsächlich mit Industriemontage. Hobbymäßig malte er gelegentlich: Kalenderbildchen oder selbstarrangierte Stillleben. Ein paar gekaufte Bilder besaß er auch, nichts Wertvolles, keineswegs etwas, das man als Kunstsammlung hätte bezeichnen können. Auch kann sich niemand daran erinnern oder es sich auch nur vorstellen, dass Jägers in den dreißiger Jahren, als er der NSDAP angehörte, eine Bekanntschaft mit dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim gepflegt haben könnte. Nichtsdestotrotz tauchten in den neunziger Jahren auf dem Kunstmarkt plötzlich Expressionisten aus der „Sammlung Jägers“ auf. In einem Brief an einen Kunsthistoriker schreibt Helene, ihr Großvater habe Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre zahlreiche Gemälde von dem Kunsthändler Alfred Flechtheim erworben, dessen Ausstellungsräume in der Nähe eines der großväterlichen Geschäftsgebäude lagen. Vor allem Werke rheinischer Expressionisten wie Campendonk, Pechstein, Nauen, Mense und Ernst, sowie französischer Maler wie Braque, Derain, Dufy und Marcoussis. Nach der Machtübernahme der Nazis habe sich Jägers nicht von den – nunmehr als entartet geltenden – Kunstwerken trennen wollen und die Bilder auf einem Anwesen in der Eifel versteckt. Einige Jahre vor seinem Tod habe er dann einen Teil seiner Sammlung an sie und ihre Schwester übergeben. Eine durchaus glaubhafte Geschichte.

Tatsächlich ist die Vorgehensweise der Beltracchis geradehernach genial. Gefälscht werden keine Bilder der ganz Großen, deren Werk bis in den letzten Winkel erforscht ist, sondern Maler zweiten Ranges, für deren Bilder mittlerweile auch siebenstellige Beträge gezahlt werden. Zunächst studiert man alte Ausstellungskataloge, besonders die der Galerie von Alfred Flechtheim, der einer der wichtigsten Kunsthändler der Weimarer Republik war. 1933 war er vor den Nazis nach Paris geflohen, 1937 in London gestorben. Große Teile seiner Sammlung gelten bis heute als verschollen, ebenso die schriftlichen Unterlagen aus seiner Galerie. Die Flechtheim-Kataloge vergleicht man mit den Werksverzeichnissen der Künstler, um die Gemälde zu suchen, die als verschollen geführt werden, und von denen keine Fotos existieren. Dann macht sich Wolfgang an die Arbeit. Vor Gericht wird er darüber sagen: „Ich verstand intuitiv, wie der Maler gemalt hat: grundiert oder nicht, dünne Farbe oder dicke, viel Terpentin oder Öl, dünne Pinsel oder breite Borsten, Links- oder Rechtshänder. Ich malte Gemälde, die im Oeuvre des Künstlers eigentlich nicht haben fehlen dürfen.“ Die Gefahr, dabei bisweilen „besser“ zu malen als Pechstein oder Max Ernst sei ihm bewusst gewesen, denn er habe ja die weitere Entwicklung des Malers und den Fortgang der Kunstgeschichte gekannt.

Helene Beltracchi und ihre Schwester Jeanette liefern die Bilder wohldosiert in den Auktionshäusern ab und versäumen nicht, immer mal wieder ein Original anzubieten, das jeder Prüfung standhalten würde. Die Verkaufserlöse landen unter anderem auf einem Konto der Beltracchis beim Institut Credit Andorra im gleichnamigen Fürstentum, wo Wolfgang Beltracchi einen Wohnsitz angemeldet hat.

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