Ist das nun ein Reisebericht oder ein Roman?
Nach der Lektüre möchte ich es als autobiographischen Reiseroman bezeichnen. Der Autor Helge Timmerberg, geboren 1952 im Hessischen, war schon als Siebzehnjähriger nach Indien getrampt und hatte dort beschlossen, Journalist zu werden. Heute könnte man ihn als arrivierten Althippie bezeichnen. Er hat für den stern, für Twen, Tempo, Merian, Geo und mehrere Tageszeitungen geschrieben, gilt als Vertreter des Gonzo-Journalismus, war weichen (und manchmal auch härteren) Drogen nicht abgeneigt, und 2007 schickte ihn sein Verlag auf etwa dieselbe Route, auf die 134 Jahre zuvor Jules Verne seinen Protagonisten Phileas Fogg schickte – mit dem Unterschied, dass Letzterer die Reise nur in der Phantasie des Schriftstellers machte, während Helge Timmerberg die Weltumrundung tatsächlich in 80 Tagen bewerkstelligen musste. Kein Kunststück heutzutage, werden die Globetrotter des 21. Jahrhunderts denken, aber es ging ja auch darum, keinen Tag früher zurückzukehren, und das verlangt das richtige Timing.

Für schlechtes Timing tadelt sich Helge Timmerberg dann auch gleich auf einer der ersten Stationen seiner Reise, denn ausgerechnet während des Karnevals landet er in Venedig, wenn sich „das ohnehin schon bizarre Mischungsverhältnis zwischen Gästen und Gastgebern (3:1) noch mal total verändert. So total, daß man nicht mehr von einer Mischung reden kann. – Die wenigen Venezianer, die bleiben, weil sie Maskenverkäufer, Kellner und Hotelangestellte sind, lassen sich das teuer bezahlen. – Immer die gleichen Masken. Immer Casanova. Warum wollen hier eigentlich alle der größte Liebhaber der Welt sein. – Warum müssen sie unbedingt in die Rolle eines Mannes schlüpfen, der weit über tausend Frauen mehrfach befriedigt hat? Was ist so toll daran?“ – Dann aber zeichnet er doch noch ein Bild von Venedig, das mir anrührend bekannt erscheint:

Nachdem das erledigt ist, wird die Nacht langsam schön. Der Fluß der Karnevalisten beginnt auszudünnen, es entstehen Lücken, und die Lücken mehren sich. In den Lücken ist Venedig. Kleine Gasse, kleiner Kanal. Zu meiner Rechten mündet die Gasse in ein Plätzchen und wird dann zum Treppchen, zu meiner Linken schlängelt sie sich ins Ungewisse. Ein Boot schaukelt vor dem gegenüberliegenden Haus, angeleint neben einer grünen Tür. Ich weiß, das ist nicht viel. Und ich weiß, das ist alles. Eine überschaubare Komposition aus Efeu, Glas und alten Steinen. Ein Venedig-Atom, ein Bühnenbild.

Dieser Mann kann schreiben, und obwohl er es sehr subjektiv tut, hat man beim Lesen nie das Gefühl, dass einem die beschriebenen Eindrücke aufgedrückt werden – ebenso wenig wie die Philosophie zu bekehren sucht. Lyrisch, ironisch, spannend, dann wieder urkomisch und immer mit Tempo schreibt er, lässt einem hin und wieder das Herz aufgehen, ohne sich anzubiedern und dem Leser ans Herz wachsen zu wollen. Es kann sehr angenehm sein, von jemandem gut unterhalten zu werden, ohne den Wunsch ihn näher kennenzulernen. So jedenfalls geht es mir als Frau. Nicht eine Sekunde lang bedaure ich, nicht das „Sahneschnittchen“ gewesen zu sein, mit dem er als Siebzehnjähriger händchenhaltend durch den alten Hafen von Chania spazierte, und ebenso wenig wäre ich gerne die Frau, die im richtigen Moment ein Brot und ein gekochtes Ei für den Hungrigen aus der Tasche holen würde, weil sie „zu diesen altmodischen Frauen mit Reiseproviant gehört“. Er hat sie ja nicht mitgenommen. Sein Blick auf die Welt (und auf die Frauen der Welt) ist ein männlicher. Ich muss ihn nicht immer verstehen. Ich werde nicht einmal gedrängt, es wenigstens zu versuchen. Ich darf ihm einfach zuhören (lesen). Das ist sehr entspannend. Im Gegenzug schließe ich mich nicht den Kritikern an, die behaupten, die Betrachtungen des tendenziell Reisemüden wären eher dazu geeignet, dem Leser die Lust aufs Reisen zu nehmen, statt sie zu wecken. Triest, Athen, von Kairo nur der Flughafen (einer bösen Vorahnung wegen), Bombay, Goa, Hongkong, Bangkok, Shanghai, Tokio, Mexico City, Havanna, Dublin… Wer erfahren möchte, was Helge Timmerberg darüber zu sagen hat, möge selbst lesen. Besonders für meine Gourmet-Freunde hier als Leseprobe nur noch die Schilderung des Restaurants Gonpachi in Tokio:

Das Restaurant erweist sich als erstaunlich. Zunächst erinnert es mich an eine Arena. Dann an ein Amphitheater. Die Tische in den gestaffelten Rängen wirken wie Logen, und unten, wo bei den alten Griechen die Bühne war, ist die offene Küche. Wüßte man nicht, daß es Köche sind, die dort mit scharfen Gegenständen Tiere zerteilen, könnte man ihre weiße Dienstkleidung für Karateklamotten halten. Stirnbänder, Kopftücher, schweißglänzende, tätowierte Muskeln, und immer, wenn ein Kellner neue Gäste hereinführt, schreit er etwas nach unten, und alle Köche schreien wie ein Mann etwas zurück, und natürlich wird das „Willkommen!“ heißen oder „Guten Appetit!“ oder „Wir sind teuer, aber die besten!“, doch es hört sich an wie der Kampfruf der Krieger in Tom Cruise‘ fabelhaftem Film. Ehrlich, ich finde die Scientologen auch scheiße, doch der Film ist gut. Das Kampfgeschrei der Samurai ertönt fast im Minutentakt, denn die Köche schreien nicht nur, wenn Gäste kommen, sondern auch, wenn sie gehen, und hin und wieder vermute ich, daß sie sogar schreien, wenn einer die Toilette aufsucht. Das erzeugt eine Dynamik, die dieses Lokal auf der Stelle zu meinem Lieblingsrestaurant weltweit macht. Die Schreie der Krieger kommen immer aus dem Bauch und tönen gern als Uuuuuuuuuuuuuuuu oder Aaaaaaaaaaaa oder Haiiiiiiiiiiiiiiiiii. Das ist laut, aber nicht so laut, daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.

Die Unterhaltung beginnt gut. Neben mir sitzt Nana, mir gegenüber der Amerikaner, mit dem Traumgesicht kommuniziere ich diagonal. Der Amerikaner heißt John. Er ist Investmentbanker, lebt seit sieben Jahren in Tokio und kann kein Wort Japanisch. Seine Firma sieht es nicht gern, wenn ihre Leute auf Japanisch mit den Japanern verhandeln; man ist der Ansicht, daß eine global so aggressiv exportierende Nation verdammt nochmal auch die globale Wirtschaftssprache lernen und mit dem Hokuspokus aufhören soll. Das ko0mmt ziemlich cowboymäßig rüber, und normalerweise würde ich ihm Paroli bieten, aber nach dem Kommunikationsdebakel der vergangenen Tage nicke ich einfach nur. Der Ami hat recht. Und gefällt mir im Laufe des Abends immer besser. Das beschämt mich. Wenn man seit Jahren von Amerika nichts anderes hört als Guantanamo, Irak und Klimaschutzblockaden, vergißt man irgendwann, warum man die Amis früher so liebgehabt hat. Wegen „Lassie“, „Fury“ und „Bonanza“. Und ein bißchen später wegen Humphrey Bogart und Robert Mitchum. Ich habe auch all diese netten Menschen vergessen, die ich Mitte der achtziger Jahre während einer Autofahrt von Miami nach L.A. kennenlernte, und ich vergaß komplett New York. Und selbst so Erzidioten wie John Wayne waren in Wahrheit ganz gut zu ertragen, wegen ihres putzsympathischen Kerns.
Die Amerikaner sind offen, sie sind direkt, und sie sind immer sofort bereit, Freundschaften zu schließen. Außerdem sind sie positiv getunt. Sie glauben, daß es für jedes Problem auch eine Lösung gibt. Das ist möglicherweise eine Illusion, aber im Gegensatz zum Pessimismus, der ebenfalls eine Illusion ist, wirkt Optimismus gesund. Nur Optimisten geben das Rauchen auf, denn nur sie schaffen es. Das Thema ist heikel für mich. Wenn ich Jules Verne auch weiterhin so brav auf seiner Route folgen will, ist Nordamerika die nächste Station. Von Küste zu Küste. Als ich John frage, wo in Kalifornien ich noch rauchen kann, sagt er:
„Denk nicht mal dran.“
„Auch nicht vor den Restaurants?“
„Nicht mal am Strand. Vergiß es einfach.“
„Und was ist mit den Mietwagen? Kann man in denen rauchen?“
„Die Strafe, die du zahlst, wenn sie es riechen, deckt ihre Kosten für das Auswechseln aller Polster im Innenraum. Aber du kannst es ja mit Zitronenspray versuchen.“

Uaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Themenwechsel. Die Augen seiner Freundin sind wie liegende Halbmonde, ihre Wangenflügel scheinen aus Porzellan gegossen, ihr Lippenstift ist erste Wahl. Sie will wissen, was ich mir vor meiner Weiterreise noch ansehen will. Ich sage, ich sehe es gerade. Außerdem würde ich ganz gern in das Dorf und die Berge, in denen „Der letzte Samurai“ gedreht wurde. Alle am Tisch kennen den Film. Die Nebelwälder, die Terrassenfelder, den fabelhaften Regen. „Ich glaube, den haben sie in Neuseeland gedreht“, sagt die Freundin des Amerikaners, deren Name Yokama ist. Und wieder zerplatzt ein Traum. Aber nur ein halber. Die andere Hälfte, und wie ich meine, die bessere, lächelt mich noch immer diagonal über den Tisch an. Warum fokussiert sich die Schönheit der Schöpfung für einen Mann in der Schönheit der Frau? Warum macht ihn ein original japanischer Sonnenaufgang in Neuseeland nur fast genauso an?

Haiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!

Um John in Sicherheit zu wiegen und Yokama eifersüchtig zu machen, konzentriere ich mich auf Nana. Sie würde es hassen, wenn sie davon wüßte, aber ich denke, sie kennt das Prinzip. Ich habe es ja von Frauen gelernt. Außerdem ist sie die Freundin meiner Tochter, also Familie. Ich will von Nana wissen, ob sie Hamburg vermißt. Nicht sonderlich. Gar nichts? Fehlt dir gar nichts aus der Heimat deines Vaters? Sie denkt nach. Sie denkt noch mal nach. Dann fällt’s ihr ein. Nana vermißt die Bäume.

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Das Essen ist großartig. Kein verreckter Fisch auf dem Tisch verdirbt mir die Laune, denn alle haben meinetwegen vegetarisch bestellt. Tofu, Gemüse, Salate, der Wein scheint ebenfalls nicht schlecht zu sein, uns geht’s nicht nur gut, sondern immer besser, und auch die Samurai in der Küche drücken weiterhin aus dem Bauch raus auf die Tube. Die energetische Grundausstattung hier ist dermaßen phänomenal, daß ich zu halluzinieren beginne. Ich sehe die Stimmen und Gespräche der Gäste wie Schmetterlinge durchs Lokal fliegen. Wo bin ich die vergangenen Tage eigentlich gewesen? Im falschen Tokio? Im falschen Ich? Hier sind wir beide richtig, die Stadt und ich, und dann fallen mir natürlich die Stäbchen in mein Tofu, als John erzählt, daß diese gastronomische Gute-Laune-Maschine das ABSOLUTE Lieblingsrestaurant von George Bush jr. ist. Im Ernst. Ich bin echt perplex. Wenn der schlechteste Präsident, den Amerika je hatte, über einen so guten Geschmack verfügt, was Lokale angeht, sollte ich noch mal über alles nachdenken. Und genau das sage ich. Von nun an habe ich bei John einen Stein im Brett.

Cover

Helge Timmerberg
In 80 Tagen um die Welt
Rowohlt, Berlin 2008
ISBN 978-3-644-10301-6