Als das Wort Stillleben deutsch korrekt noch mit ll und nicht mit lll geschrieben wurde – also noch nicht aussah, als stünde mitten im Wort ein Stück Lattenzaun (die linke Latte oben abgebrochen, was einem Zaunkönig als adäquater Platz für eine kurze Rast erscheinen könnte) –, und als ich – beträchtliche Jahre vor der Rechtschreibreform – noch ein Kind war, da führte eben jene alte Schreibweise dazu, dass ich glaubte, es hieße eigentlich Stil-Leben und sei mit einem spitzen St und einem langen i auszusprechen, was ich eine Zeit lang auch tat, so dass meine Mutter sich Sorgen machte, der Sprachfehler aus meinen Kleinkindtagen, der dazu führte, dass ich wie beim Hamburger Platt „an den spitzen Stein stieß“, wäre doch noch nicht ganz verschwunden. Aber nein, es war nur ein Verständnisfehler. Oder vielleicht auch nicht. Denn dass es bei einem Stillleben unter anderem auf ästhetische Gesichtspunkte, also auch auf Stil ankommt, ist ja nicht von der Hand zu weisen. Dennoch ist ein Stillleben das, was lll heute bezeugt: die Darstellung toter bzw. regloser (stiller) Dinge. Wir unterscheiden nach den dargestellten (teilweise symbolisch zu verstehenden) Gegenständen: Blumen-, Bücher-, Fisch-, Früchte-, Frühstücks-, Jagd-, Küchen-, Markt-, Musikinstrumente-, Vanitas- oder Waffenstillleben. Die Übergänge zu anderen Bildgattungen, besonders dem Interieur, sind manchmal fließend.

Es gibt Leute, die finden Stillleben langweilig -– zu still eben. Im Museum schenken sie den Stillleben nur einen kurzen Blick und streben lieber zu den Porträts, Schlachten, Genrebildern… Solche Leute hören genau jetzt besser auf, diesen Eintrag zu lesen, wenn nicht schon gleich der Titel sie davon abgehalten hat. Ich selbst habe schon als junges Mädchen lange vor Stillleben gestanden und sie eingehend betrachtet, besonders die der alten Meister, die naturalistisch und mit großer Hingabe an jedes Detail gemalten, etwa ein Blumenstrauß in einer gläsernen Vase, die Stängel im leicht getrübten Wasser bereits die ersten Anzeichen von Verwesung zeigend, während die Blüten noch ihre volle Schönheit entfalteten. Immer war mir, als hätte mir der Maler ein Vergrößerungsglas gereicht, nicht nur, wenn die dargestellten Gegenstände „überlebensgroߓ waren. Der Maler lieh mir, während ich vor seinem Bild stand, seinen für jede Struktur und jede Wirkung des Lichts geschärften Blick.

Letzte Woche konnte ich an einem vor einem Bahnhofskiosk aufgestellten Tisch mit reduzierten Büchern wieder einmal nicht vorbeigehen. Obwohl ich keine Schnäppchenjägerin bin, kann ich bei Mängel-Exemplaren nicht widerstehen. Was mir in die Hände fiel war in einem leicht schmuddeligen, etwas ramponierten Zustand, so als habe es lange Zeit an einem etwas staubigen, nicht vor Luftfeuchtigkeit geschützten Ort zugebracht und sei von unzähligen Passanten gelangweilt durchgeblättert und wieder zurückgestellt worden: „“Bilder.Geschichten“, herausgegeben von Thomas Böhm und Andreas Blühm. Gefördert von der Kunststiftung NRW, hatte das Literaturhaus Köln in Kooperation mit dem Wallraf-Richartz-Museum Schriftsteller – darunter Günter Wallraff, Dieter Wellershoff und Jürgen Becker – eingeladen, einen Text zu einem Bild im Museum zu schreiben. Da ich selbst schon zu Bildern (Fotografien) geschrieben habe, interessierte mich das sofort. Was dabei herausgekommen ist, ist nicht schlecht. Dennoch muss ich sagen, dass ich über die ersten 54 Seiten hinweg das Vorwort der Herausgeber für den besten Text hielt, beschreibt es doch eine schnurrige Geschichte Marcel Proust betreffend. Dann aber kam Marcel Beyers Text zu „Imbiss mit Heringen, Brötchen, Salzfass, Rotweinglas und halbierter Orange“ von Pieter Claesz, und ich las ihn mit dem lebhaften Interesse eines Menschen, dem Stillleben etwas sagen, der sich von ihnen angesprochen, bewegt und gleichzeitig beruhigt fühlt.

Cover

Bilder.Geschichten
Schriftsteller sehen Malerei
herausgegeben von Thomas Böhm und Andreas Blühm
Luchterhand Literaturverlag, München 2006
ISBN-10 3630621139
ISBN-13 9783630621135

Interesse löst bei mir immer den Drang zur Recherche aus. Ich las also zum ersten Mal über Pieter Claesz nach: Geboren zwischen 1596 und 1597 in Berchem bei Antwerpen in den spanischen Niederlanden, gestorben vor dem 1. Januar 1661 in Haarlem in den Niederlanden, zählt er zu den bedeutenden Vertretern der Stillleben-Malerei. Und fast zwangsläufig (das Internet ist nun mal so) stolperte ich auch über Willem Claeszoon Heda (auch unter den Namen Willem Heda, und Willem Claesz zu finden), geboren um 1594 in Haarlem, gestorben zwischen 1670 und 1682 ebenda, der auch ein holländischer Stilllebenmaler war. Und nun schaue man sich diese beiden Bilder an:

Pieter Claesz: Stillleben, 1633

Pieter Claesz: Stillleben, 1633

Willem Claeszoon Heda: Stilleben (Frühstück), Signatur und Datum : Heda. 1629

Willem Claeszoon Heda: Stilleben (Frühstück), Signatur und Datum : Heda. 1629

Nichts fand ich darüber, dass die beiden Maler miteinander verwandt gewesen wären, und dennoch könnte nun ich Geschichte um Geschichte spinnen, wie sie sich hin und wieder gegenseitig besuchten, einer die Arbeit des andern begutachtete. „“Willem, ich habe da gerade auf dem Markt ein Prachtstück von einem Hering gekauft. Den würde ich gerne auf deinem Zinnteller malen.““ -– „“Einverstanden, wenn du mir deinen Pokal leihst. Der wäre genau richtig für ein Vanitas-Stillleben, das ich im Sinn habe.““ Und einig wären sie sich immer darin, dass der Tisch am besten rechts steht, das Licht aber unbedingt von links kommen muss.

Natürlich musste ich gerade bei den beiden Claesz_, bei ihren Nüssen und Zitronen an noch ein Stillleben denken, ein erstes und deshalb umso bemerkenswerteres Werk:

Zitrone und Nuss für Reisende

© Phillipp

 

Advertisements