Im deutschen Sprachgebrauch ist das Wort „Charisma“ seit dem 18. Jahrhundert belegt. Es wurde aus dem Spätlateinischen übernommen, hat seinen Ursprung jedoch im Griechisch des Neuen Testaments und bedeutet dort „Geschenk, (göttliche) Gnadengabe“. Dazu zählen Weisheit, Erkenntnis, Glaube, Prophetie, Krankenheilungen, Wundertaten, Geisterunterscheidung, Zungenrede und Auslegung der Zungenrede. Unter Inanspruchname einiger dieser Charismen entstanden in der Neuzeit geistliche Aufbruchsbewegungen wie die charismatische Bewegung oder die Pfingstbewegung.

Die heute übliche säkulare Verwendung geht auf den Religionssoziologen Max Weber zurück, der unter „Charisma“ die Begnadung bestimmter Persönlichkeiten mit besonderen, außeralltäglichen Fähigkeiten (zumindest in den Augen einer verehrenden Anhängerschaft) versteht, wodurch diese Person innerhalb einer Gemeinschaft eine Führungsrolle übernimmt und behauptet; diese Verwendung wurde dann auf politische und sonstige Karrieren übertragen, so dass in der Soziologie mit „Charisma“ stets „charismatische Herrschaft“ gemeint ist. Umgangssprachlich will, wer eine Person als charismatisch bezeichnet, damit oft nur zum Ausdruck bringen, dass diese Person eine besondere (gewinnende) Ausstrahlung hat. Deutlich wird die drohende Inflation, wenn man feststellt, dass Fotoateliers, Modemacher und Friseure mit dem Versprechen werben, ihre Kunden, besonders aber die Kundinnen, mit Charisma auszustatten. Frauen galten seit Eva als verführerisch, Charisma jedoch wurde ihnen selten attestiert. Charisma hat -– darin hat Max Weber recht -– mit Macht zu tun, was natürlich nicht heißt, dass jeder Mächtige über Charisma verfügt, das, wie Weber es definiert, nur eine von drei Formen der Herrschaft ist. Frauen haben es in der Macht eben noch nicht sehr weit gebracht. Dennoch werden sie beim Zugeständnis von Charisma schon wieder über den männlichen Tisch gezogen: Wieso zählt Helmut Kohl zu den großen Charismatikern der bundesdeutschen Geschichte (Prof. Franz Walter: „Charismatiker und Effizienzen. Porträts aus 60 Jahren Bundesrepublik“)? Indessen habe ich nie gehört, dass Angela Merkel als charismatisch bezeichnet wurde. Nur weil sie die falschen Klamotten trägt oder den falschen Friseur hat?

Spaß beiseite! Fakt ist: Hindenburg galt als Charismatiker, Hitler aber dann auch. „Jung, charismatisch, mitreißend“ nannte die F.A.Z. Barack Obama, als er 2008 einen deutlichen Sieg bei der Vorwahl in Iowa errungen hatte. Als „charismatisch, messerscharf, manipulativ“ bezeichnete Marc Pitzke (Spiegel-Online) am 18.05.2011 den Anwalt des seinerzeit in den USA inhaftierten IWF-Chefs Strauss-Kahn. Zeit-Online schrieb Steve Jobs „Brutal, arrogant, gedankenreich, charismatisch“ am 6.10.2011 noch in den Nachruf. Mit Benazir Bhutto verdiente bei NTV aber doch mal eine Frau die Beschreibung „charismatisch und polarisierend“, nachdem sie 2007, zwei Wochen vor der Parlamentswahl, einem Attentat zum Opfer gefallen war. Sie wäre ja vielleicht an die Macht gekommen.

In der Managementwissenschaft galt Charisma lange als unerklärtes Phänomen. Da es sich aber auch nicht wegerklären ließ, nahmen sich unter anderem J. A. Conger und R. N. Kanungo der Sache an und machten Charisma in einer empirischen Studie (1987) anhand konkreter Verhaltensbeschreibungen messbar. Sie stellten fest, dass Führungskräfte als charismatisch wahrgenommen werden, wenn sie eine attraktive und zugleich überzeugende Vision vermitteln, ihre Vorbildfunktion wahrnehmen, ihre Mitarbeiter herausfordern und zu besonderen Leistungen inspirieren, ihre persönlichen Stärken und Fähigkeiten weiter entwickeln und sie zu eigenständigen, kreativen Problemlösungen anregen. Inzwischen ist man in Wirtschaftskreisen der Meinung: Charisma ist erlernbar. – Ich glaube das nicht. Ich räume bestenfalls ein, dass ein begnadeter Mensch diese ihm geschenkte Fähigkeit weiter entwickeln kann, dass es aber jede Menge Menschen ohne einen Funken von Charisma gibt, und die kann man coachen und trainieren wie man will, es wird kein Charismatiker dabei herauskommen, sondern bestenfalls ein Verkäufergrinsen und/oder ein Vorgesetzter, der einem mit seiner polierten Menschenführungstaktik gehörig auf den Geist geht. Ich bin in meinem Leben wenigen wirklichen Charismatikern begegnet, und ich bin nicht einmal sicher, ob ich das bedauern soll. Charisma ist nämlich nicht an und für sich schon etwas Positives (s. Adolf Hitler).

Oder sollte der ehemalige Zauberkünstler und spätere Psychologe Richard Wiseman doch recht haben, wenn er sagt, dass eines der drei Merkmale einer charismatischen Persönlichkeit ist, für andere charismatische Persönlichkeiten unempfänglich zu sein? Hm… Wo kriege ich jetzt eine Sonnenbrille für meine Eule her?

owl

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