Als ich im letzten Eintrag das Wort „Verve“ verwendete, tat ich es nicht nach langem Überlegen, sondern ganz spontan, wunderte mich beim Durchlesen des Textes dann aber. Ich mag dieses Wort, höre oder lesen es jedoch selten, und tatsächlich habe ich selbst es im Blog in vier Jahren und kaum noch zu zählenden Einträgen davor nie gebraucht. Das kann im Übrigen jeder mit der Suchfunktion (ganz unten in der linken Spalte), mit der auch jeder andere Begriff im ganzen Blog sich suchen lässt, überprüfen. Es scheint ein vom Verschwinden bedrohtes Wort zu sein.

Ursprünglich ein altromanischer Ausdruck für Talent und Schaffenskraft in der Schriftstellerei, erlangte Verve im deutschen Sprachgebrauch die Bedeutung von geistigem Schwung, Begeisterung und kreativer Leichtigkeit, nachdem Kurt Tucholsky mit seinem Gedicht „“Das Ideal““ Verve in Künstlerkreisen auch außerhalb der Literatur populär gemacht hatte:

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –-
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer, –- nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –-
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -–,
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad -– alles lenkste
natürlich selber -– das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche –- erstes Essen –-
alte Weine aus schönem Pokal –-
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –-
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.

Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

(Kurt Tucholsky, 1927)

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